Leserbrief zum Spiegel-Artikel

30.04.09

Annette Kruse-Keirath schreibt zum Artikel "Risiko Vorsorge – Alarm und Fehlalarm" (Spiegel Nr. 17, vom 20.04.2009).

Von Annette Kruse-Keirath
Für den Vorstand mamazone Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V.


Früherkennung nützt nichts – schon gar nicht bei Krebs - und schadet mehr als sie nützt – diese Wissenschaftsmeinung ist nicht neu. Auch die Argumentation, dass beim Mammographie-Screening Frauen durch falsch positive Befunde verunsichert würden, wird von den Kritikern der Prävention immer wieder ins Feld geführt. Viel schlimmer für die Frauen sind aber die falsch negativen Befunde, die daraus resultieren, dass sich z.B. mittels Mammographie nicht alle Tumore erkennen lassen, was - wie der Spiegel richtig erläutert- von den Apologeten des Mammographie-Screenings verschwiegen wird. Frauen, die am Screening teilnehmen, werden so in falscher „Gesundheitssicherheit“ gewogen. Mammographisch ohne Befund heißt nämlich nicht „brustgesund“.
Grundsätzlich ist der Nutzen eines Screenings im Vergleich zu einer den individuellen Erfordernissen angepassten Diagnostik und Früherkennung vergleichsweise gering. Die Medizin kann allerdings in Diagnostik und Therapie heute mehr bieten als Screenings. Dies sollte der Bevölkerung vermittelt werden, damit der einzelne frei entscheiden kann, ob und wenn ja an welcher Form der Früherkennung er teilnehmen möchte – falls nötig auf eigene Kosten. Die Grenzen von Reihen- und Früherkennungsuntersuchungen der gesetzlichen Krankenkassen werden aber bewusst verschwiegen, weil die Gesundheitsindustrie mit der Massen-Früherkennung in Form von Screenings viel Geld verdient – allein mit dem Mammographie-Screening zwischen 250 und 300 Mio. € jährlich.
Last but least: Keine noch so gute Studie kann die Frage beantworten, wie viele Patientinnen und Patienten dank der statistisch so sinnlosen Früherkennungsuntersuchungen leben und überlebt und damit individuell profitiert haben. Für jeden Einzelnen ist Früherkennung nämlich zweifellos von großer Bedeutung. Man stelle sich nur eine Mutter zweier kleiner Kinder vor, deren Brustkrebs durch Früherkennung rechtzeitig entdeckt wurde und die damit die Chance auf Heilung hat.
Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die jetzt wieder aufflammende Diskussion um die Früherkennung weniger medizinische als gesundheitspolitische Motive hat. Denn dank Früherkennung – auch das beschreibt der Artikel richtig – werden mehr Krankheitsfälle aufgedeckt und müssen behandelt werden. Mit den entsprechenden Folgekosten für das Gesundheitssystem. Eine pauschale Früherkennung ist eben nicht wirkungslos, sondern einfach (zu) teuer. Eine individuelle Früherkennung dagegen, die den mündigen und kompetenten Patienten von heute viel mehr entspricht, wäre ebenso bezahlbar wie effektiv.

Den Leserbrief finden Sie auch hier als PDF-Download.