Antidepressiva behindern die Wirkung von Tamoxifen

17.02.10

Das Antidepressivum Paroxetin, ein so genannter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), schwächt die Wirkung von Tamoxifen in der antihormonellen Behandlung von Brustkrebs ab.

Von Ursula Goldmann-Posch

Frauen, die beide Medikamente einnehmen, sterben häufiger an Brustkrebs als Patientinnen, die nur eines von beiden einnehmen. Das zeigte jetzt eine große Studie von Catherine Kelly und Mitarbeitern vom Institute for Clinical Evaluative Sciences (ICES) in Toronto (veröffentlicht im Britischen Ärzteblatt, BMJ 2010; 340: c693)

Ursache dieser Wechselwirkung ist die Tatsache, dass beide Wirkstoffe in der Leber verarbeitet werden. Die Leber ist Sitz einer besonderen "Verstoffwechselungs-Zentrale", dem P450-System,  das für die Entgiftung von Schad- oder Fremdstoffen zuständig ist. Dafür bedient sich P450 zahlreicher, von Genen gesteuerten Leberenzyme, darunter auch eines Enzyms namens CYP2D6. Dessen Spezialität ist die Verstoffwechselung von Medikamenten, darunter auch von Tamoxifen. CYP2D6 ist es auch, das Tamoxifen überhaupt erst in das verwandelt, was für die antihormonelle Behandlung für Frauen mit Brustkrebs wirksam ist: in sein Stoffwechselprodukt  Endoxifen.
Soweit so gut:  wenn da nicht der pharmakologische Gegenspieler des Enzyms CYP2D6 wäre, nämlich das antidepressiv wirkende Medikament Paroxetin. Dieses und andere Medikamente aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer stören und hemmen CYP2D6 bei seiner Verstoffwechselungsarbeit, an der Spitze Paroxetin. Kein Wunder, dass die Aktivierung von Tamoxifen in sein Stoffwechselprodukt Endoxifen nicht oder nur mangelhaft einsetzen kann.

Um diesem Phänomen auf die Spur zu kommen, haben die kanadischen Wissenschaftler die Krankheitsakten  von 2.430 Frauen im Alter über 65 Jahren aus Ontario ausgewertet, die in der Zeit von 1993 bis 2005 antihormonell mit Tamoxifen behandelt wurden. Rund 30 Prozent von ihnen bekamen gleichzeitig von ihren Ärzten ein Antidepressivum gegen depressive Verstimmungen verschrieben, am häufigsten den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Paroxetin.  Je länger die Frauen Paroxetin einnahmen, desto mehr Patientinnen starben an ihrem Brustkrebs.  Für die übrigen Antidepressiva (die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Fluoxetin, Sertralin, Fluvoxamin, Citalopram und den selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin) wurde keine erhöhte Sterblichkeit gefunden.

In seinem Vorwort zur Veröffentlichung der Studie (BMJ 2010; 340: c783) erweiterte Stefan Willich, Leiter des Institutes für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Berliner Charité, die Warnung jedoch auch für den  Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Fluoxetin. Denn dieser Wirkstoff stehe ebenfalls im Verdacht, die Entfaltung von Tamoxifen  durch das Leberenzym CYP2D6 zu behindern.

Literatur: Kelly MC et al: Seleive serotonin reuptake inhibitors and breast cancer mortality in women receiving tamoxifen: a population based cohort study. BMJ 2010;340:c693 doi:10.1136/bmj.c693)