Trotz Brustkrebs-"Späterkennung" kein Schadenersatz

11.04.10

Auch wenn ein Arzt offensichtlich einen Diagnosefehler begeht, begründet das für die Patientin nicht automatisch einen Anspruch auf Schmerzensgeld und Schadenersatz.

So die Quintessenz eines Urteils, das das Landgericht Göttingen kürzlich in einem Zivilprozess fällte. Geklagt hatte eine 65jährige Brustkrebspatientin, deren Frauenarzt einen unklaren Brustbefund nicht rechtzeitig weiter abklärte. Die Folge: Der Brustkrebs hatte zwischenzeitlich schon großflächig die Lymphknoten befallen, so dass zwei aufwendige Operationen notwendig würden.

Das Gericht bejahte - nach Gutachtenlage - zwar einen Diagnosefehler des Arztes. Dieser hatte Mammographie- und Sonographiebilder mit unklarem Befund als eher gutartig eingestuft und erst nach fünf Monaten eine Biopsie zur Abklärung veranlasst.

Allerdings - so die Begründung der Richter,  mit der die Klage auf Schadensersatz und Schmerzensgeld abgewiesen wurde -  sei der Patientin durch die verspätete Diagnose kein Schaden im eigentlichen Sinn entstanden. Denn auch dann, wenn der Tumor frühzeitiger erkannt worden wäre, seien die Behandlungsoptionen die gleichen geblieben. Auch die Prog-nose der Patientin habe sich durch den Fehler des Arztes nicht verschlechtert, da es sich um einen Tumor mit "geringer Wachstumsgeschwindigkeit" gehandelt habe.

Das Urteil des Göttinger Landgerichts hat nicht nur für den Einzelfall Bedeutung (das Gericht hat hier ausdrücklich das Anrufen einer Berufungsinstanz zugelassen). Folgt man der Argumentation, so müsste dies streng genommen das Aus für die gesamte Krebsfrüherkennung bedeuten. Denn diese legitimiert sich aus der Tatsache, dass sich die Prognose für den Patienten durch eine frühere Entdeckung des Tumors verbessert - und zwar unabhängig von den eingesetzten Behandlungsmethoden.

Quelle: Ärztezeitung vom 8.4.2010, Urteil des Landgerichts Göttingen Az: 2 O 910/06

mamazone-Meinung
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