Künstliche Gestagene als Brustkrebsauslöser

14.10.10

Forscher am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von IMBA-Direktor Josef Penninger klärten jetzt den Zusammenhang zwischen der Einnahme von künstlichen Geschlechtshormonen - etwa bei einer Hormonersatztherapie oder zur hormonellen Empfängnisverhütung - und erhöhtem Brustkrebsrisiko.

Ihre Erkenntnisse, die in der Zeitschrift Nature veröffentlicht werden, nähren die Hoffnung, dass es damit künftig auch eine Vorbeugung gegen hormonabhängigen Brustkrebs geben kann. Denusomab, ein neues Medikament gegen Osteoporose, könnte dabei zum Einsatz kommen.
Erstmals liefern die Forscher den genetischen Beweis, dass ein wichtiges Knochengen namens RANKl dabei die entscheidende Rolle spielt. Das Eiweiß spielt beim Auf- und Abbau von Knochensubstanz deshalb eine wesentliche Rolle zu, weil es die knochenabbauenden Zellen aktiviert. Ist RANKL überaktiv, dann kippt das Gleichgewicht zwischen Auf- und Abbau und der Knochenschwund nimmt überhand. Millionen Menschen sind davon betroffen - sie leiden an Osteoporose oder Verkrüppelung durch einen übermäßigen Knochenabbau bei der sogenannten rheumatoider Arthritis.

Die Dreimonatspille im Visier
Bereits im Jahr 2000 fanden Mitarbeiter Penningers, dass trächtige Mäuse RANKL benötigen, um funktionierende Milchdrüsen zu bilden. Sie konnten auch zeigen, dass die Produktion von RANKL durch Sexualhormone angeregt wird. Basierend auf diesen Daten nahmen die Forscher an, dass ein Zusammenhang zwischen RANKL und der Entstehung von Brustkrebs bestehen könnte.

Neuere Studien brachten jetzt folgende Kettenreaktion an den Tag: das synthetische Sexualhormon MPA (Medroxyprogesteronacetat/Gestagen), das beispielsweise in der Dreimonatspille eingesetzt wird, steigert in Brustdrüsenzellen von Mäusen die Produktion von RANKL. Dies regt die Zellen zur Teilung an und schützt sie gleichzeitig davor, bei Genschäden vom Körper ausgestoßen zu werden. Eine weitere Folge ist die Zunahme von unsterblichen Stammzellen - alles wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung von Krebs.

Eine weitere Arbeit, die zeitgleich von Nature publiziert wird, unterstützt dieses Modell. In ihr beschreiben amerikanische und spanische Wissenschaftler Experimente an Mäusen, bei denen sie durch Hormongaben Brustkrebs auslösten. Wurde RANKL bei diesen Mäusen pharmakologisch blockiert, sank die Brustkrebsrate um 90 Prozent.

Brustkrebsvorbeugung durch einen Antikörper?
Der Wiener Wissenschaftler Josef Penninger ist von der Eindeutigkeit der Studien überwältigt. "Ich bin wirklich überrascht davon, wie massiv der Einfluss des RANKL-Systems auf die Brustkrebsentstehung ist. Wenn man bedenkt, dass Millionen Frauen synthetische Progesterone einnehmen, kommt diesem Zusammenhang eine ungeheure Bedeutung zu. Da wir nun den Mechanismus der Tumorentstehung kennen, sind auch vorbeugende Maßnahmen denkbar. Durch Medikamente, die RANKL blockieren, könnten Frauen möglicherweise in Zukunft ihr Brustkrebsrisiko senken."
Erst vor wenigen Monaten kam in den USA und Europa ein monoklonaler Antikörper auf den Markt, der RANKL blockiert. Die Substanz ist unter dem Namen Denosumab für die Behandlung von Osteoporose und Knochenschwund bei Prostatakrebs zugelassen.

Quellen

 

  • Osteoclast differentiation factor RANKL controls development of progestin-driven mammary cancer (Schramek et al.). Nature AOP, 29.9.2010, doi:10.1038/nature09387
  • Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien