Weniger Brustkrebstote in Europa – kein Erfolg des Mammographie-Screenings

30.07.11

Je früher Brustkrebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Diese Überzeugung war das Motiv für die Einführung von Mammographie-Screening-Programmen in vielen Ländern Europas. Die sinkende Zahl von Brustkrebstoten in Europa scheint dies auf den ersten Blick auch zu bestätigen.

Langfristig lässt sich die Brustkrebssterberate  sogar um 30 Prozent senken– so eine im Mai 2011 veröffentlichte Studie aus Schweden, auf die sich unter anderem auch die Kooperationsgemeinschaft Mammographie beruft. Zu  einem anderen Ergebnis kommen Wissenschaftler aus Lyon. Sie konnten in ihrer Untersuchung nachweisen, dass  die bessere Brustkrebssterberate nicht auf die Einführung von flächendeckenden Mammographie-Screening-Programmen zurückzuführen. Verantwortlich dafür, dass Brustkrebspatientinnen heute länger leben, sind vor allem die verbesserten Therapiemöglichkeiten – so die Resultate einer Studie, die vom International Prevention Research Institute in Lyon durchgeführt wurde und deren Resultate Studienleiter Philippe Autier jetzt im British Journal of Medicine (BJM) veröffentlichte.

Die französischen Wissenschaftler hatten in ihrer Untersuchung je zwei Länderpaare miteinander verglichen, deren Bevölkerungsstruktur, medizinische Versorgung und wirtschaftliche Situation in etwa gleich war.  Der einzige Unterschied: Die Screening-Programme zur Früherkennung von Brustkrebs wurden in den Ländern mit einem Zeitabstand von 10 bis 15 Jahren eingeführt. Die Vergleichsländerpaare bildeten Schweden und Norwegen, die Niederlande und Belgien sowie Irland und Nordirland.

Die Wissenschaftler aus Lyon wollten wissen, ob die Zahl der Brustkrebstoten in den Ländern, die das Mammographie-Screening früher eingeführt hatten, eher gesunken ist. Der Ländervergleich, bei dem die Forscher die Datenbanken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Jahre 1989 bis 2006 nutzten, zeigten: Unabhängig vom Zeitpunkt der Einführung der Mammographie-Screening-Programme sank in allen Ländern die Sterblichkeit  bei Brustkrebs. Und sie nahm sogar am meisten bei den Frauen ab, die zwischen dem 40 und 49 Lebensjahr erkrankten. Diese Frauen werden überhaupt nicht von den Screening-Programmen erfasst und zur Früherkennungsuntersuchung eingeladen. Die Studiengruppe schließt daraus: Die verbesserte Früherkennung im Rahmen von Screening-Programmen hat keinen direkten Einfluss auf den Rückgang der Brustkrebssterblichkeit. In der Zeit vom 1989 bis 2006 ging die Zahl der Brustkrebstoten zwar erfreulicherweise insgesamt von 45  Prozent auf 29 Prozent zurück.  Als Beleg dafür, dass dafür die verbesserten therapeutischen Möglichkeiten (adjuvante Therapie optimierte Strahlenbehandlung) und nicht das Mammographie-Screening für den Rückgang der Sterblichkeitsraten verantwortlich sind, wertet Autier auch die Tatsache, dass die Abnahme der Sterblichkeit bereits vor Einführung der Screening-Programme zu verzeichnen war.

Wenngleich der Erfolg der flächendeckenden Screening-Programme für Brustkrebs in der Studie nicht nachgewiesen werden konnte,  zeigte sich, dass sich durch ein Populations-Screening die Sterblichkeit beispielsweise beim Gebärmutterhalskrebs durchaus senken lässt.  In Island und Finnland, wo bereits in den sechziger Jahren Früherkennungsprogramme  eingeführt wurden, starben zwischen 1970 und 1980 50 Prozent weniger Frauen an diesem Unterleibskrebs. Im Vergleich dazu ging die Sterberate in Norwegen, dass erst 15 Jahre später ein systematisches Screening einführte, in der gleichen Zeit nur  um acht Prozent zurück. (akk)

Literatur: Philippe Autier, Mathieu Boniol, Anna Gavin, Lars J.Vatten: Breast cancer mortality in neighbouring European countries with different levels of screening but similar access to treatment: trend analysis of WHO mortality data base, BMJ 2011;343:d4411 doi: 10.1136/bmj.d4411