Tumore kennen mehrere Wege zur Gefäßausbildung

16.08.11

Tumore entwickeln unterschiedliche Methoden, um ihre Gefäßversorgung zu sichern. Bekannt war bisher schon der sogenannte VEGF (Gefäßwachstums-Faktor)-Mechanismus, bei dem Tumorzellen Botenstoffe aussenden, die neue Gefäße in den Tumor einwachsen lassen. Mit Wirkstoffen wie dem monoklonalen Antikörper Bevacizumab konnte die Gefäßneubildung verhindert und das Tumorwachstum blockiert werden. Allerdings erwiesen sich diese Substanzen nicht in allen Fällen als „perfekt“ wirksam, weil Tumore anscheinend noch andere Wege kennen, um sich mit Gefäßen zu versorgen. Diese Vermutung konnten österreichische und ungarische Forscher nun bestätigen. Sie fanden im Tierexperiment heraus, dass Tumore die Gefäßversorgung auch durch eine spezielle Art der Gefäßteilung sicherstellen können.

Das Forscherteam unter Leitung von Dr. Balázs Döme von der MedUni Wien und Dr. Sándor Paku von der Semmelweiß Universität Budapest konnte nachweisen,  dass die intussus-ceptive Angiogenese (= Gefäßteilung) bei der Versorgung mit Blutgefäßen entscheidende Bedeutung hat. Im Tiermodell implantierten die Mediziner Labormäusen Zellen vom Dickdarmkarzinom. Anschließend beobachteten sie die Entstehung von neuen Blutgefäßen mit dem Elektronen- und dem Laser-Mikroskop. Dabei zeigte sich: Die Venen bei den Versuchstieren rollten sich ein und verdoppelten sich so.

Behandelte man diese Mäuse mit dem Angiogenese-Hemmer Vatalinib und hemmte so den VEGF-Mechanismus zur Gefäßneubildung, schalten die Tumore zunehmend auf Plan B und die Gefäßteilung um. Die Wiener Forschungsgruppe bezeichnet diese Abläufe als „inverses Aussprießen“ vom Gefäßen.

Die wichtigste Schlussfolgerungen, die die Wissenschaftler aus den Ergebnissen ihrer Experimente ziehen, die jetzt im renommierten "American Journal of Pathology" veröffentlicht wurden, lauten: Die Therapiestrategien, die auf die Hemmung der Gefäßneubildung (Antiangiogenese) abzielen, müssen künftig anders fein justiert werden. Sie sollten sich, so Balázs Döme, nach dem „speziellen Typ der Gefäßneubildung ausrichten, der in einem Tumor jeweils maßgeblich ist." Nach Ansicht der Forschergruppe ergibt sich hieraus eine neue und vielversprechende Therapieoption. Allerdings müssen wirksame  Medikamente, mit deren Hilfe sich der zweite Mechanismus zur Gefäßneubildung hemmen lässt, erst noch entwickelt werden. (akk)

Literatur: Sándor Paku, Balázs Döme et.al.: A New Mechanism for Pillar Formation during Tumor-Induced Intussusceptive Angiogenesis, American Journal of Pathology, 10.August 2011


Von: Annette Kruse-Keirath