Tickende Zeitbombe – PIP Brustimplantate: Plastische Chirurgen raten zur Entfernung

04.01.12

Geplatzte Brustimplantate der französischen Firma PIP (Poly Implantat Prothesis) stehen unter dem Verdacht, Brustkrebs auszulösen. Die Implantate, die in der kosmetischen Chirurgie nicht nur zur Brustvergrößerung, sondern auch zum Wiederaufbau der Brust eingesetzt wurden und seit 2010 nicht mehr vertrieben werden dürfen, sind mit minderwertigem Silikon gefüllt. Wenn die , Implantate reißen, tritt dieses in die Umgebung aus und wirkt dort unter Umständen gesundschädigend. Das französische Gesundheitsministerium empfiehlt betroffenen Frauen deshalb jetzt, die Implantate sicherheitshalber entfernen zu lassen. Allein in Frankreich sind 30.000 PIP-Trägerinnen betroffen.

Bereits im Jahr 2000 hatten die US Gesundheitsbehörden vor den Billigbrüsten aus französischer Produktion gewarnt. Damals wurde vor allem der Mantel beanstandet, in den das Gel-Kissen eingelegt wird. Dieser sei nicht reißfest genug, so dass die Implantate häufiger undicht würden und auseinander brächen.

Die jetzt vorgebrachte Kritik richtet sich dagegen auch gegen das Füllmaterial.  Der Vorwurf: Die im März 2010 aufgelöste Firma Poly Implantat Prothesis habe wegen schrumpfender Umsätze minderwertiges Silikon verwendet und dadurch gewinnbringend  rund eine Million Euro pro Jahr an Materialkosten eingespart.

In Frankreich sind inzwischen acht Fälle von gerissenen  PIP Implantaten bekannt geworden, deren Trägerinnen an Krebs erkrankten.  Im Fall einer 53jährigen Frau, die die Implantate getragen hatte und  Ende November an ihrer Krebserkrankung verstarb, ermittelt derzeit die Staatsanwalt. Nach Angaben der Ärztezeitung sind seit März 2010 mehr als 2000 Frauen wegen defekter Implantate vor Gericht gegangen. Bei 523 Frauen wurden die Silikonkissen mittlerweile schon entnommen. Auch in Deutschland sind 19 Fälle von gerissenen Implantaten bekannt geworden.

Allerdings – darauf weist auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das für die Risikoüberwachung der Produkte zuständig ist,  hin – ist derzeit noch nicht bewiesen, dass die minderwertigen Billigimplantate tatsächlich Krebs erzeugen. Außerdem ist nicht bekannt, wie viele Frauen tatsächlich in Deutschland PIP Brustimplantate erhalten  haben.
Frauen, die einen Brustaufbau oder eine Brustvergrößerung haben durchführen lassen, können aber in ihrem Implantat-Pass selbst nachschauen, welches Implantat verwendet wurde. Außerdem wird seit 1989 im Implantat-Register der Arbeitsgemeinschaft für ästhetische, plastische und wiederherstellende Operationsverfahren in der Gynäkologie e.V. aufgezeichnet, welche Frau zu welchen Zeitpunkt welches Produkte eingesetzt bekommen hat.

Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven
und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) empfiehlt Frauen, die mit einem PIP Implantat versorgt wurden, ähnlich wie das französische Gesundheitsministerium vorsorglich die Entfernung der Silikonkissen. Allerdings – darauf weist der Präsident der DGPRÄC, Prof. Dr. Peter Vogt hin, könne es bei der Kostenübernahme für die Implantat-Entnahme zu Problemen kommen.  Noch ist nämlich ungeklärt, ob die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die notwendige Operation übernehmen – insbesondere dann, wenn es sich bei der Implantatversorgung um einen ästhetischen Eingriff – also eine auf Wunsch der Frau vorgenommene Brustvergrößerung gehandelt hat.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen habe bisher, so heißt in einer Pressemeldung der DGPRÄC  in einem Interview die Behandlung bei medizinischer Notwendigkeit zugesagt, allerdings auch angekündigt, hier die Patienten entsprechend SGB V § 52 (2) in die Pflicht zu nehmen. Das bedeutet konkret: Betroffene Frauen müssen gegebenenfalls einen Eigenanteil übernehmen oder auch für die Implantatentfernung ganz aus eigener Tasche aufkommen.
Nach Ansicht von Prof. Vogt muss aber verhindert werden, dass sich Patientinnen und betroffene Frauen aus Kostengründen gegen eine Entfernung der Implantate entscheiden. „Es ist eine Frage der staatlichen Fürsorge, dafür zu sorgen, dass die Implantate nicht aus Kostengründen im Körper verbleiben“, so Prof. Vogt.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte  (BfArM) empfiehlt Patientinnen mit PIP-Brustimplantaten, so heißt es in einer  Presseerklärung vom 22.12.2011, wegen des Risikos möglicher Rissbildungen in jedem Fall ihren implantierenden Arzt oder ihre Klinik aufzusuchen. „Ziel dieser vorbeugenden Sicherheitsmaßnahme ist eine individuelle Risikoabwägung bei den betroffenen Patientinnen. Nur so kann im Einzelfall über geeignete Maßnahmen zur Risikominimierung entschieden werden“ sagte Prof. Dr. Walter Schwerdtfeger, Präsident des BfArM.

Unabhängig von der Aufarbeitung der individuellen Fälle verlangt die DGPRÄC politische Konsequenzen. Nach Einschätzung der Fachgesellschaft konnte es zu diesem „in der Medizingeschichte wohl einmaligen Fall nur kommen“, weil die Medizinprodukte-Zulassung offenbar sehr durchlässig war.  Hier muss nach Auffassung von Prof. Vogt auch auf europäischer Ebene schleunigst durch eine Änderung der Medizinprodukte-Zulassung Abhilfe geschaffen werden.

Quelle: Presseinformationen der DGPRÄC vom 23.12.2011 und des BfArM vom 22.12.2011



Von: Annette Kruse-Keirath