Aspirin - ein ASS gegen Krebs?

13.04.12

Kann Aspirin - der medikamentöse Alleskönner- auch Krebs und Krebsrückfälle verhindern? Glaubt man drei aktuellen großen Studien, so sieht es ganz danach aus.

Acetylsalicylsäure - so der Name des Wirkstoffs mit dem Kürzel ASS - hilft gegen Kopfschmerzen und Fieber, es wird bei Rheuma eingesetzt und zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfällen. Doch Aspirin kann offensichtlich noch mehr. Nach der neueren Zusammenschau (Metaanalyse) mehrerer großer Studien beugt es Krebs vor - und wenn bereits Krebs da ist, schützt es wohl sogar vor Metastasen.

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse warnen Forscher und Ärzte  vor der täglichen Aspirin-Pille zur Krebs-bzw. Metastasenprophylaxe. Das Risiko von Nebenwirkungen wird für zu hoch erachtet. Außerdem fehlt es noch an konkreten Belegen für die krebshemmende Wirkung des ASS, gab der Epidemiologe Prof. Dr. Nikolaus Becker vom Deutschen Krebsforschungszentrum (dkfz) in Heidelberg in der Zeitschrift  „einblick“ zu bedenken.

Britische Forscher nahmen 51 Studien mit fast 70 000 Patienten ins Visier, die das Aspirin eigentlich zum Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall regelmäßig einnahmen. Sie schauten nach drei bzw. fünf Jahren, wie viele Patienten in dieser Zeit an Krebs erkrankt bzw. verstorben waren und verglichen die Daten der Aspiringruppe mit Kontrollpatienten, die kein ASS bzw. einen anderen Blutverdünner einnahmen. Wie in der Ärztezeitung mit dem Hinweis auf eine online-Veröffentlichung der Wissenschaftler um Peter Rothwell von der Universität Oxford in der renommierten Fachzeitschrift Lancet vom 21. März berichtet wurde,  senkte die Einnahme von ASS unabhängig von der Dosis die Krebs-Sterblichkeit  um 15 Prozent, nach fünf Jahren und länger sogar um 37 Prozent.

Zitiert wird auch eine zweite online-Veröffentlichung in „Lancet Oncology“ mit demselben Erscheinungsdatum. Darin wurde untersucht, inwieweit die Langzeiteinahme von ASS über einen Zeitraum von 20 Jahren das Risiko beeinflusst, an Darmkrebs zu sterben. Auch hier konnte Acetylsalicylsäure punkten: Die Sterberate konnte unabhängig von der Dosis um etwa 40 Prozent gesenkt werden. Ähnliche Effekte vermuten die Forscher auch für andere Krebsarten, darunter auch Brustkrebs.


Risiko für Metastasen um mehr als 50 Prozent reduziert

Doch damit nicht genug: In einer dritten Untersuchung wollten die englischen Forscher wissen, ob die regelmäßige Einnahme von mehr als 75 mg Aspirin pro Tag auch das  Metastasen-Risiko zu senken vermag. Sie werteten wiederum fünf vergleichende Studien aus, die eigentlich das Ziel hatten, den Stellenwert der ASS zur Prävention von Herz-Kreislaufereignissen festzustellen. Aus dieser Gruppe wählten sie knapp 1000 Patienten aus, bei denen während der Beobachtungsphase eine Krebserkrankung diagnostiziert worden war. Auch hier waren die Ergebnisse eindeutig: Die Rate metastasierter Krebserkrankungen war in der Aspiringruppe um 30 Prozent niedriger als in der Gruppe ohne Aspirin. Und: Krebspatienten, die bei Diagnose noch keine Metastasen hatten und ASS einnahmen, hatten ein um 55 Prozent erniedrigtes Risiko, im Laufe ihrer Erkrankung Metastasen zu entwickeln.

Der segensreiche Effekt von Aspirin auch in der Krebsprophylaxe wird darin gesehen, dass der Einfluss des Medikaments auf die Bildung von Blutplättchen auch für das Wachstum der Tumoren und die Entstehung von Metastasen eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Das konnte zumindest in Laborexperimenten gezeigt werden.


Warnung vor Selbstbehandlung mit ASS

Trotz dieser vielversprechenden Wirkung des medikamentösen Tausendsassas namens ASS in der Krebs- und Metastasenprophlaxe warnen Forscher und Mediziner derzeit  noch vor einer Selbstbehandlung mit ASS. Die Gefahr gefährlicher Blutungen in Magen und Gehirn ist bei regelmäßiger Aspirineinnahme nicht auszuschließen. Außerdem kritisieren Mediziner, dass in den beiden größten Studien zur Prävention von Krebs - der Women’s Health Study und der Physicians Health Study - kein direkter krebsschützender Effekt durch ASS gezeigt werden konnte. Überdies fehlten bislang vergleichende Daten über verschiedene Dosierungen von Acetylsalicylsäure. Es bleibt also abzuwarten, ob  sich Aspirin in weiteren Studienzur Krebs- und/oder Metastasen-Prophylaxe eignet.
Wer regelmäßig andere blutverdünnende Mittel, wie z.B. Marcumar, Wobenzyme oder Curcumin einnimmt, sei vor der zusätzlichen Einnahme von ASS gewarnt. – ibw-


Von: Annette Kruse-Keirath