Haben Schilddrüsenkrankheiten und Brustkrebs einen gemeinsamen Ursprung?

08.02.13

Jod bremst die Krebszellteilung

Reichlich Jod in der Nahrung ist möglicherweise ein vielversprechender Ansatz zur Vorbeugung (Prävention) von Brustkrebs und vielleicht sogar zur vorbeugenden (adjuvanten) Nachbehandlung von Brustkrebs. Dies legen Tierversuche und Krankheitsstatistiken (epidemiologische Daten) der vergangenen Jahre nahe, die kürzlich in einer ersten Pilotstudie an Kranken Bestätigung fanden: Danach war die Zellteilungssrate (Proliferation) in Tumoren von Patientinnen mit einem durch eine Biopsie nachgewiesenen Brustkrebs, die vor der eigentlichen Entfernung des Knotens, also neoadjuvant, vier Wochen lang vier Milligramm Jod pro Tag erhalten hatten, um 50 Prozent verringert.

Außerdem waren deutlich mehr Brustkrebszellen in den Zelltod (die Apoptose) geschickt worden als dies in den Biopsien vor einer Gabe von Jod der Fall gewesen war. Darüber hatte der Münchner Endokrinologe Professor Roland Gärtner ursprünglich in der Deutschen Zeitschrift für Onkologie (2009; 41:53) berichtet.

Jodreicher Seetang schützt die Frauen in Südostasien

Ein Zusammenhang zwischen Jodmangel-Erkrankungen der Schilddrüse und einem vermehrten Vorkommen (Inzidenz) von Brustkrebs (Mammakarzinom) werde schon seit längerem vermutet, so Gärtner. Dies legten zum einen Statistiken zum Auftreten von Brustkrebs-Erkrankungen (epidemiologische Daten) nahe: In vielen Ländern Südostasiens ist das Vorhandensein (die Prävalenz) von Brustkrebs und knotigem Brustgewebe (Mastopathien) niedriger als in westlichen Ländern. Forscher gehen davon aus, dass dies nicht nur mit dem vermehrten Konsum von Soja, sondern auch mit der hohen Aufnahme von Jod zu tun haben könnte, die etwa in Seetang und Meeresalgen zu finden sind.

Tierexperimentelle Untersuchungen untermauerten die Bedeutung des Jods und des Jodmangels nicht nur für die Wachstumsregulation und Entstehung von Schilddrüsenkrebs, sondern auch für entsprechend ungünstige Veränderungen des Gewebes in der Brustdrüse. So haben Versuche an weiblichen Ratten schon in den 90-iger Jahren gezeigt, dass es unter Jodmangel verstärkt zu Mastopathien gekommen ist, während dies bei ausreichender Gabe von Jod nicht der Fall war. Jodmangel führe bei Ratten also nicht nur zum sogenannten Kropf (Struma), sondern auch zu Zellveränderungen (etwa Zellatypien) der Brustdrüse, so fasst Gärtner die Befunde aus wissenschaftlichen Tierversuchen zusammen.

Jodmangel erhöht das Brustkrebsrisiko

Dass Jodmangel auch das Brustkrebsrisiko oder das Auftreten von Brustkrebs bei Frauen erhöht, legen mehrere epidemiologische Untersuchungen nahe. „Offensichtlich gibt es da einen gemeinsamen Nenner für Schilddrüsenerkrankungen und Brustkrebs“ folgert der Münchner Endokrinologe.

In tierexperimentellen Untersuchungen sei gezeigt worden, dass mittels dauerhafter Zufuhr von Jod (5 Prozent Seetang) über die Nahrung das Auftreten von künstlich  hervorgerufenen Mammakarzinomen bei weiblichen Ratten um 70 Prozent verringert werden konnte. Erhielten Ratten mit bereits bestehendem Brustkrebs hingegen hohe Dosen an Jod, so schrumpften die Tumore.

Wird menschlichen, also humanen Kulturen von Brustkrebszellen Jod zugeführt, so kommt es, dem Endokrinologen Gärtner aus München zufolge, zu einer Hemmung der Zellteilung und gleichzeitig zu einer verstärkten Sich-Selbstverabschiedung (Apoptose) mangelhafter, tumorverdächtiger oder von bereits entarteten (mutierten) Zellen, nämlich der Brustkrebszellen.

Der Endokrinologe geht davon aus, dass die Wachstumshemmung durch Jod darauf zurück zu führen ist, dass vermehrt Stoffwechselprodukte des Jod, wie die sogenannten Jodlipide – davon besonders das Beta-Jodlacton aus der Arachidonsäure – gebildet werden. Das Beta-Jodlacton wurde von Forschern auch als wesentliches Stoffwechselprodukt ausgemacht, das sich als Spezialist darin auszeichnet, die Zellteilungs-Freudigkeit (Proliferation) von normalen Schilddrüsenzellen zu hemmen und die Apoptose einzuleiten.

Nur das „lebendige“ Jod hat den gewünschten Effekt

Interessanterweise, so der forschende Endokrinologe Gärtner, komme es nur bei Gabe des natürlichen, des sogenannten elementaren Jods, nicht aber des Jodids zu diesem gewünschten Effekt bei Brustkrebs-Zellen. Dies liege daran, dass die Schilddrüsenzellen einen besseren Aufnahmemechanismus für Jodid haben als die Brustkrebszellen.

Der Endokrinologe hält es angesichts der vielversprechenden Ergebnisse aus experimentellen Behandlungsstudien, die gezeigt haben, dass eine hohe Jodzufuhr in der Nahrung möglicherweise Brustkrebs verhindert oder zur adjuvanten Therapie bei Brustkrebs geeignet sein könnte, für geboten, den Behandlungsansatz mit Jod nun in größeren wissenschaftlichen Studien zu überprüfen.

 

Quelle: Deutsche Ärztezeitung


Von: Inge Bördlein-Wahl/adaptiert für mamazone.de von Ursula Goldmann-Posch