Deutsche Onkologen: „Zytostatika-Ausschreibungen durch Krankenkassen sind patientenfeindlich“

10.06.13

Die AOK Hessen hat angekündigt, die Versorgung mit onkologischen Zubereitungen (Chemotherapien) auszuschreiben. Diese Entscheidung betrifft etwa 2.800 Patientinnen und Patienten, die derzeit ambulant mit zubereiteten Zellgift-Lösungen behandelt werden. Der Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland – BNHO e. V. sieht durch die Ausschreibung die Versorgungsqualität der Krebspatienten in Gefahr.

Dieser Auffassung schließt sich auch mamazone – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V. an. Siehe Kommentar hinter der Pressemeldung des BNHO.

„Solche Ausschreibungen führen zum sukzessiven Herausfallen der Zytostatika-herstellenden Apotheken aus dem onkologischen Versorgungsnetz. Das ist ein Skandal, da sie zu einem enormen Verlust an Fachkompetenz in der Krebsversorgung führen und die Fehleranfälligkeit erhöhen. Gerade bei hochwirksamen Krebstherapien kann das gravierende Auswirkungen für unsere Patienten haben“, erläutert der BNHO-Vorsitzende PD Dr. Stephan Schmitz.

Die Versorgung mit Zytostatika-Zubereitungen ist in den letzten Jahren zu einem hochkomplexen Vorgang geworden. Heutzutage arbeiten niedergelassene Krebsspezialisten mit Einverständnis ihrer Patienten mit Schwerpunktapotheken vor Ort zusammen und sorgen damit für eine reibungslose, qualitätsgesicherte Versorgung. Durch die räumliche Nähe ist eine schnelle und sichere Lieferung der hergestellten Zytostatika gewährleistet. Mithilfe ihrer langjährigen Expertise erfüllen die spezialisierten Apotheken zudem wichtige Beratungsaufgaben bei Fragen zu Pharmakokinetik, Nebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen.

Aus Sicht des BNHO - mit 575 niedergelassenen Fachärzten der Inneren Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie als Mitglieder - ist die geplante Ausschreibung onkologischer Zubereitungen patientenfeindlich und zerstört bewährte Kooperationen zwischen Onkologen und spezialisierten Apotheken. Dabei sieht das Apothekengesetz gerade diese Kooperationen vor (§ 11 Abs. 2 ApoG).

„Wir Hämatologen und Onkologen sorgen uns um unsere Patienten. Sollten die Ausschreibungsverfahren zur Regel werden, wäre die sichere Versorgung der Krebspatienten unnötig gefährdet“, befürchtet Schmitz. Völlig überflüssige und dabei durchaus sicherheitsrelevante zusätzliche Schnittstellen würden geschaffen, zulasten der betroffenen Patienten und der beteiligen Onkologischen Schwerpunktpraxen. Außerdem besteht laut BNHO die Gefahr, dass bei flächendeckenden Ausschreibungen nicht mehr die nahegelegene, erprobte Apotheke den Zuschlag erhält, sondern der günstigste Anbieter, der im schlechtesten Fall 100 Kilometer vom behandelnden Krebsspezialisten entfernt ist. Durch lange Anfahrtswege wäre es unmöglich, auf kurzfristige Therapieanpassungen zu reagieren, ohne dass bereits hergestellte teure Zytostatika-Zubereitungen verworfen werden müssten. Besonders auch im ländlichen Raum würde dies wegen der geringen Versorgungsdichte zu erheblichen Problemen führen.


Die mamazone Meinung:

„Ausschreibungsverfahren mögen zwar ein probates Mittel zur Kostendämpfung sein, eine Versorgungsverbesserung stellen sie aus Patientensicht jedoch keineswegs dar“, sagt die Vorstandsvorsitzende von mamazone – Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V., Ursula Goldmann-Posch. Der zusätzliche Verwaltungs- und Koordinationsaufwand, den onkologische Praxen durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kassen mit unterschiedlichen Lieferapotheken bewältigen müssen, „ist kostbare Zeit, die für die Betreuung von Krebspatienten in Chemotherapie nicht mehr zur Verfügung steht.“

Fazit der mamazone-Gründerin und Medizinjournalistin Ursula Goldmann-Posch: „Zytostatika sind kein x-beliebiger Hustensaft, den man nach Belieben beim günstigsten Anbieter irgendwo in der Republik bestellt, sondern ein höchst diffiziles Medikament, mit dem verantwortungsvoll im Sinne der Betroffenen umgegangen werden muss.“


Von: Ursula Goldmann-Posch