Charakterisierung
Die Tumorzelle kann man sich vorstellen wie die „Visitenkarte der Krebserkrankung“. Sie enthält zahlreiche Informationen, die entscheidend sind für die optimale und maßgeschneiderte Therapie.
Eine erste Charakterisierung bestimmter Faktoren der Tumorzellen nimmt der Pathologe aus dem Gewebe der Biopsie vor, eine weitere vollständige Charakterisierung dann aus dem während der Operation gewonnenen Tumorgewebe.
Die Faktoren im Einzelnen:
Feingeweblicher Typ
Die feingewebliche Untersuchung des Pathologen ermittelt den Brustkrebstyp im allgemeinen. Man unterscheidet dabei zwei Arten:
Nichtinvasive Tumoren / Invasive Tumoren
TNM-Klassifikation
Die TNM-Klassifikation (Staging) gibt Auskunft über die Größe und Ausbreitung einer Tumorerkrankung. T steht dabei für Tumorgröße, N für Lymphknoten (lateinisch Nodi) und M für Metastasen. Diese drei Parameter unterteilen sich folgendermaßen:
1. Tumorgröße
- T1 = kleiner als 2 cm
- T2 = 2 – 5 cm
- T3 = größer als 5 cm
- T4 = Tumor jeder Größe mit direkter Ausdehnung in der Nachbarschaft (Brustwand oder Haut)
2. Lymphknoten
- N0 = kein Befall der Lymphknoten
- N1 = befallene, aber bewegliche Lymphknotenmetastasen in der Achselhöhle
- N2 = befallene, nicht bewegliche Lymphknotenmetastasen
- N3 = Lymphknotenmetastasen hinter dem Brustbein
Zusätzlich wird noch in Klammern die Anzahl der befallenen in Relation zu den untersuchten Lymphknoten angegeben. Z.B. 0/13 bedeutet, dass 0 Lymphknotenmetastasen vorliegen in 13 untersuchten Lymphknoten
3. Metastasen (= Tochtergeschwülste)
- M0 = keine Metastasen gefunden
- M1 = Fernmetastasen nachweisbar. Hier wird normalerweise noch die Lokalisation der Fernmetastasen angegeben.
Ein X anstelle einer Zahl in der TNM-Klassifikation bedeutet, dass bei diesem Parameter keine Beurteilung vorgenommen werden konnte.
Das Staging fasst die einzelnen Parameter der TNM-Klassifikation zu einer Gesamtbewertung des Schweregrads der Erkrankung zusammen. Die Einteilung der Stadien geht von 0 (geringer Schweregrad) bis IV (hoher Schweregrad).
Grading
Tumorzellen sind nichts anderes als entartete „normale“ Körperzellen. Die Zellen verändern (differenzieren) sich dahingehend, dass sie sich zunehmend stärker vermehren und somit der Tumor wuchert.
Das Grading bezeichnet den Grad der Differenzierung, also der Unterschiedlichkeit der Tumorzellen vom umliegenden gesunden Gewebe. Dies stellt ein Maß für den Grad der Bösartigkeit des Tumors dar. Man teilt das Grading in drei Stufen ein:
G1 = hoch differenziert (also den „gesunden“ Zellen noch relativ ähnlich und
wenig aggressiv im Wachstum)
G2 = mäßig differenziert
G3 = niedrig differenziert (also völlig entartet und stark wuchernd)
Hormonrezeptoren
Rezeptoren sind Bindungsstellen auf oder in Zellen, über die Signale von außen in die Steuerungszentrale der Zelle vermittelt werden. Wie normale Brustdrüsenzellen haben auch die daraus entstandenen Krebszellen oft Rezeptoren für die weiblichen Hormone Östrogen und Progesteron. Das bedeutet, dass ihr Wachstum durch diese Hormone gefördert wird.
Der Nachweis der Menge an Hormonrezeptoren erfolgt üblicherweise durch Anfärbung des Gewebepräparates. Zeigen mindestens 10% der Zellen eine Färbereaktion für Hormonrezeptoren, so gilt der Tumor als eindeutig hormonempfindlich bzw. hormonrezeptorpositiv. 80% aller Brustkrebspatientinnen haben einen hormonrezeptorpositiven Tumor.
Jenseits der Angabe des Prozentsatzes gefärbter Zellen kann das Testergebnis der Hormonrezeptorbestimmung auch im so genannten Immune Reactive Score (IRS) angegeben werden. Das ist ein Zahlenwert von 0 – 12. Nur ein IRS von 0 wird als hormonrezeptornegativ gewertet. Ein IRS von 1 stellt ein fragliches Ergebnis dar und sollte wiederholt werden, ab einem IRS von 2 geht man von einem hormonrezeptorpositiven Tumor aus.
In den Befunden werden die Rezeptoren abgekürzt mit
- ER für Östrogenrezeptor (engl. Estrogene receptor)
- PR für Progesteronrezeptor
Diese Einteilung ist sehr wichtig für die Planung der Behandlung. Bei hormonempfindlichen Tumoren lässt sich mit verschiedenen antihormonell wirksamen Medikamenten die Hormonbildung oder die Hormonwirkung und damit das Wachstum der Krebszellen unterdrücken. Der Grad der Hormonempfindlichkeit gilt heute als ein entscheidendes Kriterium für die Wahl der adjuvanten Therapie – also der medikamentösen Therapie nach der Operation.
Mehr zur adjuvanten Hormontherapie finden Sie hier.
HER2-Rezeptoren
Bestimmt werden heute auch die so genannten HER2-Rezeptoren. Das sind Bindungsstellen für Wachstumsfaktoren, die die Krebszelle zur Teilung antreiben. Es hat sich gezeigt, dass das vermehrte Vorhandensein von HER-2 Rezeptoren mit einem ungünstigeren, aggressiveren Verlauf der Erkrankung einhergeht. In diesen Fällen kann es sinnvoll sein, die HER2-Rezeptoren zu blockieren und damit den Wachstumsreiz wegzunehmen.
Es werden derzeit hauptsächlich zwei Methoden angewandt, um die Menge der HER2-Rezeptoren im Tumorgewebe zu bestimmen:
Immunhistochemie
Die Tumorzellen werden angefärbt, Zellen mit HER2-Rezeptoren zeigen eine Färbung. Der Prozentsatz gefärbter Zellen wird dann bestimmt und es ergibt sich daraus ein so genannter Score:
- Score 0 und 1+ bedeuten, dass nur wenige HER2-Rezeptoren vorhanden sind. Das Ergebnis wird als negativ gewertet.
- Score 2+ ist ein fraglicher Befund, hier sollte durch eine weitere Diagnostik des Tumormaterials mit einer anderen Methode (z.B. FISH, s.u.) das Ergebnis konkretisiert werden.
- Score 3+ ist eindeutig positiv – mehr als 30% aller Zellen tragen vermehrt HER2-Rezeptoren.
FISH (Fluoreszenz in situ Hybridisierung)
Dieser Test, der nur in Speziallabors gemacht werden kann, weist ein eindeutiges Ergebnis aus. Die Resultate sind entweder „positiv“ oder „negativ“. Manchmal liest man in pathologischen Befunden auch „mehrfach überexprimiert“ – dies bedeutet auch ein positives Ergebnis.
Wenn Ihr Tumor einen immunhistochemischen Score von 3+ oder/und im FISH das Resultat „positiv“ aufweist, wird zur medikamentösen Therapie nach der Operation eine Antikörpertherapie empfohlen.
Weitere Prognosemarker
Weitere Prognosemarker siehe hier.
Brustkrebs passt sich dem modernen Lebensstil an
Mehr als 50.000 Frauen in Deutschland bekommen jährlich die Diagnose Brustkrebs gestellt. Und es werden immer mehr. Die Chance, lebenslang keinen Brustkrebs zu bekommen, steht heute bei neun zu eins. Eine englische Studie zeigt: Mit dem Lebensstil der Frauen wandeln sich im Laufe der Generationen auch die Brusttumore.
Frauen müssen heute mehr denn je damit rechnen, einen speziellen, "schleichend" wachsenden Tumor in der Brust zu bekommen. Das ergab ein Vergleich von Brustkrebs-Gewebeproben, die Forscher in den 1980er- und 1990er-Jahren gesammelt haben. Das Fazit der Studie: Die Art des Brustkrebses passt sich wie ein Chamäleon über die Jahre und Jahrzehnte mit immer neuen Erscheinungsformen dem Lebensstil von Frauen an. Und: die wissenschaftliche Erforschung und Behandlung dieser Erkrankung hält mit dieser Entwicklung Schritt. Mehr sogar: Die Überlebenschancen sind gestiegen.
Durchschnittlich ist die Gefahr, mit 65 Jahren Brustkrebs zu bekommen, am größten, bei der erblichen Form sogar schon 20 Jahre früher. Brustkrebs ist aber nicht gleich Brustkrebs, denn kein Tumor gleicht dem anderen. Zur besseren Orientierung haben sich die Ärzte inzwischen auf zehn grobe Einteilungen (Klassifikationen) festgelegt, denen die meisten Brustkrebsarten zugeordnet werden.
Mit Abstand am häufigsten stellen Onkologen einen Tumor fest, der molekulare Antennen für weibliche Hormone besitzt. Dieser hormonsensible Brustkrebs trifft mehr als jede zweite Patientin. Ihre Krebszellen werden – wie Empfängerantennen (Rezeptoren) - durch die Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron „angetörnt“. Frauen mit diesem Befund werden öfter geheilt. Wenn sie Tochtergeschwülste (Metastasen) bekommen, dann sehr viel später als andere Leidensgenossinnen mit einem nicht-hormonsensiblen Brustkrebs.
Außerdem sind bei diesen Patientinnen anti-hormonelle Brustkrebstherapien, also Behandlungen, die den Empfängerantennen für Geschlechtshormone auf den Brustkrebszellen die Grundlage entziehen, erfolgreicher und besser verträglich.
Um ein erneutes Wachstum im Keim zu ersticken, blockiert der behandelnde Arzt - meist medikamentös - die Geschlechtshormone im Körper. Das gelingt gut – nach fünf Jahren sind 80 Prozent der Patientinnen noch am Leben – aber mit dem leidvollen Nebeneffekt, dass jüngere Patientinnen vorzeitig in die Wechseljahre katapultiert werden.
Für ihre statistische Untersuchung haben die Wissenschaftler der Universität Glasgow mehr als 1000 Gewebeproben von Brustkrebs-Patientinnen überprüft, die in zwei großen Krankenhäusern der Stadt Glasgow gesammelt wurden: 420 aus den Jahren zwischen 1984 und 1986 und 653 von 1996 bis 1997. Ergebnis: Die langsamen Tumore mit einer entsprechenden Hormonantenne werden deutlich häufiger, die Fallzahlen stiegen innerhalb von zehn Jahren von 64,2 Prozent auf 71,5 Prozent.
Gleichzeitig werden die ohnehin selteneren, schnell wachsenden und aggressiv streuenden Krebsarten ohne hormonelle „Düngung“ in den Krankenakten noch seltener.
Warum verhält sich der Brustkrebs wie ein Chamäleon?
Das können auch die schottischen Forscher nicht erklären. Eine geringe Zahl der analysierten Gewebeproben sei gewiss dadurch zu erklären, dass die histopathologischen Nachweismethoden heute besser sind als früher, vermuten die Forscher im „British Journal of Cancer“: Sensible Testmethoden können inzwischen hormonsensible Mammatumore aufspüren, noch bevor ein Knoten in der Brust tastbar wird. Ein weiterer Grund könnte auch der veränderte Lebensstil sein, glauben die Glasgower Wissenschaftler. Frauen bekommen inzwischen viel später Kinder als noch vor 20 Jahren, ihr Östrogen-Spiegel bleibt also bis in die Mittvierziger hinein vergleichsweise hoch. Außerdem gibt es mehr Fettleibige jenseits der Wechseljahre, hormonelle Umwelteinflüsse durch Plastik-Verpackungen und Fleischzusätze sowie jene Risikokandidatinnen, die mit Östrogenen Wechseljahrs-Beschwerden lindern.
Aber es gibt auch ein erbliches Risiko für den hormonsensiblen Brustkrebs: Haben eine oder mehrere Verwandte ersten Grades diese Art von Brustkrebs vor den Wechseljahren, besteht ein erheblich höheres Risiko. Hat sich also das entsprechende Brustkrebs-Gen über die Jahre in der Gesellschaft stärker verbreitet und festgesetzt?
Alkohol fördert die Entstehung von Brustkrebs, auch in kleinen Mengen
Eine weitere Gefahr sind die veränderten Trinkgewohnheiten unter Frauen: Alkohol fördert die Entstehung von Brust- und Gebärmutterschleimhautkrebs, auch in nur geringen täglichen Dosen. Durch den Alkohol kann der Körper das Östrogen nicht mehr richtig abbauen. Hohe Hormonspiegel steigern das Krebsrisiko übrigens auch bei Männern.
Bleibt nur die Frage: Warum werden die schnell wuchernden, sogenannten G3-Brustkrebse seltener? Das können die Wissenschaftler nicht erklären. Was sie jedoch aufklären konnten, ist, was im Zusammenhang mit Brustkrebs ein Irrtum ist.
Im Alter wächst Brustkrebs langsamer: Diese Annahme ist falsch! Krebszellen, und auch Brustkrebszellen, wachsen in jedem Alter gleich schnell oder gleich langsam. Das Alter spielt dabei keine entscheidende Rolle. Je älter man wird, desto größer ist allerdings die Chance, irgend einen Krebs zu bekommen.
Fakt ist, dass das Durchschnittsalter von Frauen zum Zeitpunkt der Entstehung eines Krebses bei 69 Jahren, bei Männern bei 67 Jahren liegt.

