18. Patienten-Arzt-Kongress 13. - 14. Mai 2017 in Heidelberg

Kongressbericht von Dipl.-Psych. Gertrud Rust,
Vorstandsmitglied mamazone - Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V.

Das Thema Selbstheilung muss ein grundlegendes Bedürfnis von Krebspatienten ansprechen, abzulesen am überaus gut besuchten 18. Patienten-Arzt-Kongress der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr im Mai 2017. „Äußere Ärzte“ sind uns allen bekannt, aber wie sieht der „Inneren Arzt“ aus, die heilsamen Kraft in uns, die ganz erstaunliche Anteile an Genesungsprozessen leisten kann?

Vertrauen, Motivation und Hoffnung im Umgang mit der Krebserkrankung

Prof. Dr. med. Jörg Spitz aus Schlangenbad, Präsident der GfBK, bezog sich in seinem Eröffnungsvortrag auf den Hippokrates von Kos zugeschriebenen Satz: Der Arzt behandelt, die Natur heilt.  Sollte dieses uralte Wissen bis heute nicht genügend Beachtung finden? Laut Spitz stellt die Kraft des „inneren Arztes“ eine im Verlauf der Evolution entwickelte Ressource dar, entstanden in der fortwährenden Auseinandersetzung mit den Anforderungen der jeweiligen Lebensumwelt, wie dem Kontakt mit der Natur, sozialen Beziehungen, der Umweltbeschaffenheit und den Ernährungsmöglichkeiten. Es entstanden Regelkreise zur Aufrechterhaltung von Gesundheit, die bei Überforderung entgleisen und zu Erkrankungen führen können, wobei der moderne Lebensstil als Saboteur dieser gewachsenen Regelkreise gelten könne. Übersehen würde oft der Geist in seiner Bedeutung für die Funktion des inneren Arztes, nämlich die Fähigkeit, Vorkommnisse zu bedenken, zu bewerten und ein entsprechendes Bewusstsein zu bilden.  Körperfunktionen seien so auf vielfältige Art und Weise beeinflussbar, und Hauptaufgabe bei einer Erkrankung sei die Regeneration natürlich vorhandener Systeme zur Aufrechterhaltung von Gesundheit und damit  der Wiederherstellung der Selbstheilungskraft.  Dazu sei Wissen darüber nötig, was natürliche Lebensumstände bedeuteten und wodurch sie bedroht seien. „Eine erkannte Gefahr ist eine gebannte Gefahr“, so die prägnante Aussage.

Dr. med. György Irmey, Ärztlicher Direktor der GfBK, warnte in seinem Plädoyer für mehr Menschlichkeit, Individualität und Vertrauen in der Krebsmedizin vor einer geistigseelischen Überforderung durch eine Anhäufung von zu viel Wissen in dafür ungeeigneten Situationen. „Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt“ sei anzustreben, ausgerichtet an der individuellen Patientenbefindlichkeit. Das Problem gehäufter Krebserkrankungen sei nicht durch immer mehr Detailwissen lösbar, da sich in ungezügeltem Zellwachstum gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wie Grenz- und Maßlosigkeit widerspiegelten. Um einen Zustand inneren Friedens zu erreichen seien dagegen zwei gleichermaßen bedeutsame Pole auszubalancieren, das gefühlsbetonte Harmoniestreben und der durch die Ratio gesteuerte Kampfgeist. Ein erkrankter Mensch sei grundsätzlich mehr als die Summe seiner medizinischen Befunde, denn es würden nicht Tumore, sondern Menschen behandelt. Ärzte sollten Patienten auf dem Weg zu ihrem inneren Arzt begleiten und gemeinsam eine Antwort auf die Frage suchen: Was hilft mir?  Hierbei sei eine individuell begründete Auswahl aus dem medizinischen Angebot erforderlich. Gute oder schlechte Therapien gäbe es nicht, sondern nur unpassende zum falschen Zeitpunkt.
Von besonderer Bedeutung sei überdies die Frage, was Patienten selbst zu ihrer Genesung beitragen könnten, denn sie seien nicht Opfer ihrer Erkrankung, sondern Gestalter ihres Lebens. Dies schließe auch die Reflexion von Möglichkeiten zur Korrektur eigenen Verhaltens ein, wobei besonderes Augenmerk auf das „Muss“ zu legen sei. Was muss man wirklich, wo bestehen Wahlmöglichkeiten? Gefordert sei die Bereitschaft zu individuell passenden  Entscheidungen, auch in der Therapie, und der persönliche Weg erschließe sich oft über „das Herz, weniger über den Verstand“.

Der Mensch ist mehr als sein Befund
, davon zeigte sich auch Prof. Dr.  Annelie Keil überzeugt, Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin aus Bremen.  Die Kunst, mitten in der Krankheit auch gesund zu sein ist ihr besonderes Anliegen, und sie spricht dabei aus eigener Erfahrung. Nach einem Herzinfarkt im Alter von 40 Jahren erkrankte sie 50-jährig an Brustkrebs, erlitt Rückfälle und konzentrierte sich in der Folge auf die Erforschung der Psychosomatik, den Zusammenhang zwischen seelischer und körperlicher Krankheit. „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“, so der Titel einer neuen Buchveröffentlichung 2017.  Inzwischen im 78. Lebensjahr angekommen und mit einer mitreißenden Energie ausgestattet, lenkte sie den Blick auf wesentliche Aspekte einer gelingenden Krankheitsbewältigung. Leitfragen wären: Was ist „das Menschliche“ an meinem Befund? Spiegelt sich darin mein Leben wieder? Welches „Mehr“ an meinem Befund, über die Diagnosefakten hinaus, kann mir Orientierung geben? Fühle ich, was ich sehe? Denn nur dann gebe ich, was ich kann. Warum tritt diese Krankheit gerade jetzt bei mir auf? Was hilft mir dabei, zu überleben? Zum Auffinden passender Antworten sei die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis erforderlich. Die Konzentration auf Lebensziele, statt auf Todesangst und die Besinnung auf biographische Knotenpunkte. Welche die Gesundheit gefährdenden Verhaltensweisen folgten auf diese Knotenpunkte und ermöglichten das Auffinden persönlich geeigneter Genesungswege? „Von gestern lernen, heute leben, auf morgen hoffen“ zitierte Keil hier Albert Einstein. Krisen könnten auch Ansporn zu einer Richtungsänderung im Leben sein, und besonders bei Mehrfacherkrankungen bestünde der „Gewinn“ einer Erkrankung im Erkennen der jeweils vorliegenden individuellen Umstände. „Unsere Krankheit gehört uns“, so Annelie Keil, und die Verantwortung für unser Wohlergehen allein den Experten zu überlassen käme laut dem Philosophen und Theologen Ivan Illich  einer Enteignung gleich. 

Der Beziehung Mensch-Natur als wesentlichem Lebensaspekt widmete sich der österreichische Biologe Clemens Arvay. Waldmedizin - eine Chance für die Onkologie, dieser faszinierende Gedanke stoße in Japan bereits auf breite Akzeptanz, erkennbar an staatlichen Förderprogrammen und der Durchführung von Waldexkursionen an zahlreichen Kliniken und Arztpraxen. Prof. Dr. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio habe in evidenzbasierten Studien zur Wirkung von Waldaufenthalten auf das Immunsystem eine bedeutsame Aktivierung von Killerzellen nachgewiesen. Aufgabe dieser Immunzellen sei  u.a. die Eliminierung von Tumorzellen. Auch liege die Krebssterblichkeit in bewaldeten Gebieten niedriger als in waldlosen Gegenden. Wirksam seien hier Terpene, sekundäre Pflanzenstoffe, die von Bäumen ausgedünstet und bei Waldaufenthalten konzentriert eingeatmet würden.  Nach einem Regen sei dieser Effekt sogar deutlich erhöht. Pharmakologische Forschungsaktivitäten zur Herstellung von Krebsmedikamenten auf Terpenbasis seien bereits im Gang. Darüber hinaus wirke die Waldatmosphäre stressmindernd und balanciere so das meist überhöhte Stressniveau des modernen Lebensstils aus. „Zurück zur Natur“, so Clemens Arvay und mit Waldmedizin die Heilungschancen erhöhen.

David Crean, amerikanischer Therapeut für Body Resonance, sieht den Körper als Resonanzraum für innere und äußere Reize vielfältiger Art. Heilende Kräfte entstünden durch Bewusstsein (Awareness) und Selbstbefähigung (Self-Empowerment): Awareness and self-empowerment as  important healing factors (Vortrag in Englisch mit Simultanübersetzung). Von grundsätzlicher Bedeutung seien weniger das gesprochene Wort, als die dabei empfundenen Gefühle. Aus der persönlich vorliegenden Situation bei einer Erkrankung könne man lernen, sie enthalte den Schlüssel zur Wiedererlangung von Gesundheit. Die Suche nach diesem Schlüssel könne in den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Medizin erfolgen, oder aber im eigenen Unterbewusstsein, wo der innere Arzt lebe. Eine Krebserkrankung teste nach Crean die Fähigkeit, heraus zu finden, was im eigenen Leben „schief läuft“. Hier sei Kreativität gefordert, die ehrliche Auseinandersetzung mit erlebten Gefühlen und eine Änderung des Bewusstseins.  Dies könne „Seelenarbeit“ bedeuten, eine Neuorientierung in persönlichen Vor- und Einstellungen, die bisweilen starr verfestigt wären. Seelische Erneuerung sei jedoch verwandt mit körperlicher Erneuerung, da Körperzellen ständigen Erneuerungsprozessen unterlägen. Heilung bedeute Erstarrtes los zu lassen und Platz für Neues zu schaffen. Die Intuition, das Bauchgefühl, spiele für diesen Prozess eine zentrale Rolle und die Frage: Was steht meiner Genesung im Weg?  Der Körper sei nicht als Maschine zu betrachten, sondern als lernendes System. Wohl sei die wissenschaftliche Medizin   in Akutsituationen unverzichtbar, jedoch wären bei chronischen Erkrankungen darüber hinaus reichende Überlegungen erforderlich. Krankheit sei eine Manifestation, sie mache Umstände sichtbar, die zuvor im Dunklen lagen. Die Anwesenheit im „Hier und Jetzt“, der Blick darauf, was gerade mit mir geschieht und was ich jetzt brauche, eröffne die Möglichkeit zur Heilung.

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Integrative biologische Krebsmedizin Teil 1: Bewährte Methoden - Neue Erkenntnisse in der Praxis

Für Dr. med. Heinz Mastall, Vizepräsident der GfBK und Ärztlicher Direktor des Juvital Medical Centers in Wiesbaden, bestehen die Basics integrativer biologischer Krebsmedizin aus einer Bündelung konventioneller und komplementärmedizinischer Maßnahmen, angepasst an die individuell vorliegenden Charakteristika jedes einzelnen Patienten. Grundsätzliches Ziel sei die Senkung des Rezidivrisikos. 
Die gestiegenen Heilungschancen bei verschiedenen Krebserkrankungen seien eher einer verbesserten Früherkennung zuzuschreiben, weniger dem Einsatz der altbekannten konventionellen Therapieformen. Nach wie vor erforderlich sei eine immunbiologische Krebsmedizin, da Mikrometastasen die Primärtherapie unbeschadet überstehen könnten und zudem das Immunsystem durch Chemo- und/oder Strahlentherapie geschwächt werde. Unabhängig von gewählten Therapieformen müsse vor allem der „Boden“ bearbeitet werden, auf dem Krebs gedeihe, denn die Risikofaktoren für eine Krebserkrankung seien nur zu 15% genetisch bedingt. Zu nennen seien hier die psychische Stabilisierung, denn Erkenntnisse aus der Psychoneuroimmunologie wiesen auf eine Schwächung des Immunsystems durch Dauerstress wie Angst, Trauer und Verzweiflung hin. Körperliche Betätigung habe sich bewährt, ebenso eine Stoffwechselaktivierung durch verbesserte Ernährungsformen. Hier seien Omega-3-Fettsäuren gegenüber Omega-6-Fettsäuren zu bevorzugen, da letztere entzündungsfördernd und gefäßverengend wirkten. Auch das Zellwachstum werde angeregt. Der Blutzuckerspiegel sei niedrig zu halten, denn bei der Vergärung von Zucker durch Krebszellen entstehe Milchsäure, die wiederum die Immunantwort behindere.  Curcuma und Granatapfel hemmten das Wachstum von Krebszellen, ebenso senke Vitamin D das Rezidivrisiko, empfohlen seien hier Spiegel über 40 nmol/l. Indol-3-Carbinol, ein sekundärer Pflanzenstoff aus Kohlpflanzen, wirke ähnlich wie die Aromatasehemmer.
Zur mikrobiologischen Immuntherapie gehörten auch eine Herdsanierung zur Vermeidung chronischer Entzündungen und die Pflege des Mikrobioms im Darm, da dessen Störung das Immunsystem negativ beeinflusse.  Im Verlauf des Alters lasse die Thymusdrüsenfunktion nach, weshalb die Thymustherapie nach wie vor ihren Stellenwert habe. Mistel-, Enzym- und Sauerstoff-Ozon-Therapien, ebenso der Einsatz von Antioxidantien, besonders Selen, unterstützten ebenfalls Immunfunktionen.
Angestrebt seien schonendere Therapieverläufe durch eine ausführliche onkologische Diagnostik unter Einschluss von Therapieeffizienztestungen und Chemosensitivitätsprüfungen vor Einsatz einer Chemotherapie. Integrative Krebsmedizin wähle eine individuell angepasste Therapie in Zusammenarbeit von Schul- und Komplementärmedizin.

Der Ansatz, eigene Heilpotentiale durch Fieber und Hyperthermie zu begünstigen, basiere auf einer natürlich angelegten Heilreaktion, so Dr. med. Holger Wehner, Klinikleiter und Chefarzt der Gisunt Klinik für Integrative Medizin in Wilhelmshaven. Diese natürliche Heilreaktion sei alt bekannt, denn bereits mehrere hundert Jahre v. Chr. prägte der griechische  Philosoph Parmenides den Satz: Gebt mir die Kraft, Fieber zu erzeugen, und ich heile jede Krankheit.
Konventionelle Therapien schädigten durch toxische Nebenwirkungen auch das Immunsystem, sodass der Spagat zwischen Therapie und Immunstärkung nicht gelänge. Eine geschwächte Immunkompetenz steigere jedoch das Rückfallrisiko. Tumorüberwärmungen bewirkten eine Wachstumshemmung von Tumorzellen, verkleinerten Tumore und könnten konventionelle Therapien wie die Chemo- oder Strahlentherapie in deren Wirkung unterstützen (Chemothermotherapie bzw. Radiothermotherapie). Unterschieden würden die aktive Hyperthermie mit Fiebererzeugung durch Injektion von fieberauslösenden Präparaten und die passive Hyperthermie mit der Erwärmung durch Energiezufuhr von außen. Neben der Ganzkörperhyperthermie bei verstreut liegenden Metastasen stünden auch schonendere lokale Verfahren wie die lokale Oberflächenhyperthermie bei oberflächlichen Metastasen  und die Regionale Tiefenhyperthermie bei tiefer liegenden zur Verfügung, z.B. in der Leber. Eine Hyperthermie wirke immunmodulierend und tumordestruktiv, so Wehner, auch solle nicht jedes natürlich auftretende Fieber umgehend gesenkt werden.

Über den aktuellen Stand der Methadonforschung bei Tumorerkrankungen berichtete Dr. rer. nat. Claudia Friesen, Leiterin des molekularbiologischen Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Ulm. Die an der Oberfläche von Tumorzellen im Vergleich zu gesunden Zellen stark vermehrten Opioid-Rezeptoren seien ebenfalls geeignete Andockstellen für Methadon, einem synthetisch hergestellten Opioiod mit starker schmerzstillender Wirkung. Methadon behindere jedoch zusätzlich bei Anwendung einer Chemotherapie sog. Zellpumpen, die beim Eindringen von Fremdstoffen in eine Zelle diese wieder nach außen abpumpten. Bei dadurch möglicher Dosisreduzierung sei dennoch ein verbesserter chemotherapeutischer Effekt zu erzielen. Auf zellinternen Signalwegen werde in der Folge der programmierte Zelltod (Apoptose) gesteigert. Auch die Anzahl der Opioidrezeptoren auf der Zelloberfläche spiele eine entscheidende Rolle, diese würden unter Methadon zusätzlich hochreguliert. Wirksam sei das D,L-Methadon, eine Mischung aus rechts- und linksdrehenden Molekülen. Die Herstellung erfolge in der Apotheke, wichtig sei die Anmerkung auf dem Rezept: ohne Zusätze. Die kontinuierliche Verabreichung über die Chemotherapie hinaus sei empfohlen, da Methadon auch per se eine wachstumshemmende Wirkung gegenüber Tumorzellen entfalte. Auf eine Kombination mit anderen Opioiden sei zu verzichten.  Anhand eindrücklicher Fallbeispiele mit bildlicher Darstellung belegte Friesen den Effekt von Methadon auf die Tumorregression bei unterschiedlichen Tumorarten. Patientenkontakt unter: cf-methadon-krebs(at)uni-ulm.de .

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Integrative biologische Krebsmedizin Teil 2: Ernährung, Nahrungsergänzung, Stoffwechselregulation

Die Entschlüsselung des Genoms entspräche einem Kochbuch, das nicht kochen kann, so Prof. Dr. Jörg Spitz in seinen einleitenden Worten zur Bedeutung von Ernährung bei Krebserkrankungen. Genetische Merkmale seien lediglich als Informationen zu betrachten, denn ein übergeordneter Regelungsmechanismus, die Epigenetik, entscheide darüber, ob diese Merkmale in Körperzellen ihre Wirkung entfalten und damit aktiv werden könnten. Genabschnitte mit bestimmten Informationen seien nur dann nutzbar, wenn sie auch abgelesen werden könnten. Beeinflussbar sei diese Ablesefähigkeit z.B. durch Bewegung (Bewegungsepigenetik) und Ernährung (diäthetische Epigenetik). Für den Einfluss von Nahrungsbestandteilen auf die Genablesung lägen in vitro bereits zahlreiche Hinweise vor, am Menschen sei noch weitergehende Forschung erforderlich. Bekannt seien entzündungsfördernde Einflüsse bestimmter Ernährungsformen, ein verbessertes Ansprechen von Krebszellen auf Chemotherapien nach kurzzeitigem vorausgehendem Fasten und eine Beeinträchtigung der Energiegewinnung von Krebszellen bei einer ketogen ausgerichteten Ernährung.  Ernährung solle nicht aus verarbeiteten Lebensmitteln bestehen, „kein Etikett“ solle drauf sein, so Spitz. 

Sekundäre Pflanzenstoffe sind nach Dr. med. Friedrich Migeod, Chefarzt der BioMed-Klinik Bad Bergzabern, onkologisch wirksam. 30-40 Prozent aller Krebserkrankungen seien durch Ernährung beeinflusst, und als hilfreiche Nahrungsmittel bei Krebs gälten u.a. Kohl- und Zwiebelgewächse, blaurote Beeren, Curkuma, Grüntee, Pilze, dunkle Schokolade und Leinsamen. Wirksame Inhaltsstoffe fänden sich besonders in Gemüse, Gewürzen und Schalen, in letzteren, weil Pflanzen Abwehrstoffe gegen eine feindliche Umwelt bildeten. Sekundäre Pflanzenstoffe wirkten durch eine Senkung von NF-kappaB, Proteinen mit Beteiligung an entzündlichen und immunologischen Prozessen, sowie dem Zellüberleben durch eine antiapoptotische Wirkung (Hemmung des natürlichen Zelltodes). Curkuma entfalte seine Wirkung durch eine Anregung des natürlichen Zelltods und eine Verminderung der Zellteilungsgeschwindigkeit über eine Hemmung in der Signalübermittlung für Wachstumsanreize. Eine Kombination von Curkuma mit Grüntee und seinem wichtigsten Inhaltsstoff, dem Epigallocatechin, erhöhe die Wirkung um das Neunfache. Sekundäre Pflanzenstoffe wirkten zellteilungsregulierend, entzündungshemmend und regten den natürlichen Zelltod, die Apoptose an.

Integraler Bestandteil der Komplementärmedizin bei Krebsleiden sei nach Dr. med. Rudolf Inderst von der Medizinischen Enzymforschungsgesellschaft e.V. in Grassau die regulative Enzymtherapie. Diese sei als begleitende Therapiemaßnahme zur Bewältigung chronischer Entzündungen zu verstehen, dem Nährboden für Zellentartungen.  Zum Einsatz kämen Bromelain (aus der Ananas), Papain (aus der Papaya), Trypsin und Chymotrypsin (Verdauungsenzyme) und Lysozym (aus Hühnereiweiß). Über Moleküle an der Zellüberfläche beeinflussten sie nicht nur die Zellkommunikation, sondern hemmten ebenfalls Botenstoffe zur Anregung  der Blutgefäßneubildung bei Tumoren. Enzyme wirkten auch blutverdünnend und reduzierten dadurch die Thrombosegefahr, eine bekannte Gefährdung bei Krebspatienten. Auch bei einer  Mukositis (Mundschleimhautentzündung) und Lymphödemen seien Enzyme (in Kombination mit Selen und Entstauungstherapie)  ein wertvoller Therapiebaustein. Ziel einer Enzymtherapie sei eine Verbesserung der Lebensqualität, eine Steigerung der Abwehrleistung und eine Verminderung der Metastasenbildung.

In einem Vitamin D - Update 2017 wies Prof. Dr. Jörg Spitz auf die Widersprüchlichkeit von Pressemeldungen zur Bedeutung von Vitamin D im Krebsgeschehen hin. Gut belegt durch Studien seien eine Verdopplung der Sterblichkeit bei Sonnenvermeidern und eine Abhängigkeit der Sterblichkeit vom Vitamin-D-Spiegel im Blut. Vitamin D sei an der Entstehung bzw. Vermeidung zahlreicher chronischer Erkrankungen beteiligt. Die Zufuhr solle nicht in einzelnen hohen Dosen, sondern täglich erfolgen. Die Normaldosis betrüge 4.000 IE pro 70 kg Körpergewicht pro Tag. Vitamin D wirke nicht toxisch, diesbezügliche Bedenken seinen unbegründet. Zudem läge ein Vitamin-D-Mangel in weit mehr als der Hälfe der Bevölkerung vor. Positive Wirkungen seien nicht auf den Knochenstoffwechsel beschränkt, sondern entstünden via Vitamin-D-Rezeptoren an zahlreichen Körperzellen.  An Zellen des Immunsystems werde eine Verbesserung der Zellkommunikation untereinander gefördert. Vitamin D schütze u.a. vor Entzündungen und Infekten, hemme durch eine Steuerung der Zellteilung das Tumorwachstum und erhöhe das Apoptoseprogramm unkontrolliert wachsender Zellen. Informationen: sonnenallianz.spitzen-praevention.com .

Eine bedeutende Rolle spiele auch Curcuma im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzeptes bei Krebs, so PD Dr. med. Nils Thoennissen, seit kurzem Chefarzt der ganzheitlichen Klinik St. Georg mit Spezialisierung auf die Behandlung von Krebserkrankungen in Bad Aibling. In der TOP-12-Liste Krebsstammzellen bekämpfender Nahrungsbestandteile stehe Curcuma auf Platz fünf. Als wichtiger Puzzlestein reduziere Curcuma Entzündungen, schütze die Erbanlagen und beeinflusse Signalübertragungswege bei der Zellteilung. Eine 30-jährige Forschung belege zudem eine Anregung des Immunsystems, die Verringerung von Nebenwirkungen unter Chemo- und Strahlentherapie und einen antitumoralen Effekt durch die Hemmung der Blutversorgung von Tumoren und Metastasen. Curcuma sei trotz dieser weitreichenden Wirkungen jedoch nie als Ersatz für schulmedizinische Behandlungen zu betrachten, sondern unterstützten deren Wirksamkeit. So konnte bei einer Kombination von Taxol mit Curcumin eine gesteigerte Reduktion des Tumorwachstums im Vergleich zu Taxol allein gezeigt werden (Mausmodell). Bei oraler Zufuhr könne eine Kombination mit Piperin, Quercetin, Lein- und Kokosöl  die Bioverfügbarkeit wesentlich gesteigert werden. Eine 100-prozentige Bioverfügbarkeit sei zwar durch Curcumin-Infusionen zu erreichen, jedoch bestehe Allergiegefahr, weshalb diese Art der Anwendung nur von erfahrenen Therapeuten durchgeführt werden solle.

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Salutogenese und das unermessliche Selbstheilungspotenzial des Organismus

Thomas Michael Haug, M.Sc., Gesundheitspädagoge aus Hallein in Österreich, ließ aufhören mit seinem Vortragsthema: Salutogenese für Gesundheitsapostel - Über den Sinn und Unsinn von Gesundheitsempfehlungen. Eine interessante Frage zu Beginn: Ist die Gesundheit von den Verhältnissen geprägt, oder von Verhalten? Sozial benachteiligte Menschen sähen sich einem höheren Krankheitsrisiko und einer niedrigeren Lebenserwartung ausgesetzt, zudem bestünde im Erkrankungsfall keine soziale Absicherung. Die Benennung von Verhalten als Krankheitsursache delegiere zusätzlich die Verantwortung an die Betroffenen. Bei unterschiedlichen Anforderungen im Alltag und einer ungleichen Verteilung von Ressourcen zu deren Bewältigung könnten wohlfeile Gesundheitsempfehlungen einen zynischen Charakter annehmen, denn der Einfluss der Verhältnisse überwiege oft den Einfluss des Verhaltens auf den Gesundheitszustand. Bei konstant vorliegendem Stress aufgrund sozialer Notlagen und der gleichzeitigen Bagatellisierung von sozioökonomischen Verhältnissen und ungleicher Ressourcenverteilung könne man bei den üblichen  Gesundheitsempfehlungen von sozialer Amnesie sprechen. Durch den Ansatz, Gesundheit sei machbar und damit eine soziale Pflicht, werde Gesundheit zu einer vom Lebensstil abhängigen Bringschuld. Zwei Fragen stünden sich gegenüber: Was macht krank (Pathogenese), und was erhält gesund (Salutogenese). Die Salutogenese betone den empfundenen Lebenssinn, die emotionale Bedeutsamkeit des Lebens, wobei die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen auch unterschiedliche Verhaltensweisen nach sich ziehe. Die Pathogenese sähe den Menschen als Mängelwesen mit stetem Korrekturbedarf, um eine Erkrankung zu verhindern. Ziel sei eine hohe Leistungsfähigkeit bei gleichbleibender Fitness, die mittels Gesundheits-Apps auch noch zu messen sei. Je nach Ergebnis seien zukünftig Auswirkungen auf die Krankenkassenbeiträge nicht auszuschließen. Bei Datensammlungen verschwinde die Individualität jedoch hinter rechnerischen Mittelwerten, und es entstehe ein Entscheidungszwang zur Arbeit an einer Krankheitsrisikoverminderung.
Bedingungen für Gesundheit umfassten ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, ein stabiles Selbstwertgefühl, befriedigende soziale Beziehungen und eine lebenswerte Gegenwart mit begründeter Hoffnung auf die Zukunft.

Den Zusammenhang zwischen Eigenaktivität und Selbstheilung erfuhr Dr. med. Eberhard Rau, ehemaliger Allgemeinmediziner mit eigener Praxis in Amberg i.d. Oberpfalz in seinem eigenen Krankheitsschicksal. Vor nun bereits 20 Jahren erkrankte er an inoperablem Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Lymphknotenmetastasen und einer Heilungsprognose von lediglich zwei Prozent. Die Diagnose wurde akzeptiert, nicht jedoch die Prognose, deren Mitteilung Dr. Rau als Behandlungsfehler in der ärztlichen Kommunikation einstuft. 
Trotz dem Empfinden totaler Hilflosigkeit in der Diagnosesituation befasste er sich mit der Suche danach, „was gut tut“.  Gut taten u.a. das Zulassen und Zeigen von Gefühlen, Literatur über Spontanremissionen zur Erzeugung eines Hoffnungsschimmers und Visualisierungsübungen nach dem amerikanischen Radiologen und Onkologen Dr. med. O.C. Simonton, einem Pionier der Psychoonkologie. Persönliche Heilungswege existierten, so Rau, aber sie lägen jenseits von „Modellempfehlungen“ und müssten individuell aufgespürt werden. Besonders seien Auswege aus überfordernden Situationen und neuer Lebenssinn in neuen Aufgaben zu finden. Nach einer erfolgreichen Chemotherapie war vier Monate nach Diagnose eine kurative Operation möglich. In dieser Zeitspanne habe er zusätzlich alles versucht, was helfen könne, auch ohne wissenschaftliche Absicherung und dem Plazet der Schulmedizin. Ein Zusammenspiel von Schulmedizin und Naturheilkunde und die sehr persönliche Suche nach Heilungswegen auf der Basis von Eigenaktivitäten könne Heilung bewirken. Die wirksamsten positiven Energieformen seien für ihn das Bewusstsein und die Bewegung, sowohl körperlich, als auch geistig.

Josef Ulrich, Kunsttherapeut und Leiter der psychoonkologischen Gesprächsgruppe des Centrums für Integrative Medizin und Krebstherapie an der Klinik Öschelbronn in Niefern-Öschelbronn sieht Selbstheilungskräfte als Quellen der Gesundheit und Lebensqualität. Warum nimmt die gleiche Krankheit bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Verläufe, lautete die Eingangsfrage. „Um den Krebs herum ist ein Mensch“, so ein Patientenzitat, was einen unterschiedlichen Umgang mit der Krankheit bedeute. Das Bestreben, so schnell wie möglich wieder der/die Alte zu werden, sei zu hinterfragen. War man vielleicht vor der Erkrankung kränker, weil der passende „Lebensplatz“ noch nicht gefunden war? Eröffnete die Durchbrechung des Alltragstrotts durch die Erkrankung hier vielleicht Wege zur Neuorientierung mit einer Konzentration auf das Wesentliche im eigenen Leben? Die wissenschaftliche Medizin lege den Fokus auf die Erforschung des Defizits, das Augenmerk könne jedoch stattdessen auch auf die Möglichkeiten zur Regenerierung gelegt werden, immerhin erneuerten sich 50.000 Zellen pro Sekunde oder 4 Mrd. pro Tag. Damit wären die gesunden Anteile des Menschen auch bei Erkrankung weitaus größer als die kranken. Paul Modrich, Tomas Lindahl und Aziz Sancar erhielten 2015 für ihre Entdeckung, mit welchen Mechanismen die Zellen ihr Erbgut reparieren, den Nobelpreis für Chemie. Ohne ständige Reparatur von Zellschädigungen könne man nicht überleben, und es fänden so täglich unzählige Heilvorgänge im Körper statt.  Das Bewusstsein darüber könne zum „geistigen Heilungslabor“ werden. Verschiedene Bewusstseinslagen mit der Konzentration entweder auf das Tumorgeschehen oder aber auf die Heilungspotenziale führten zu unterschiedlicher Krankheitsverarbeitung. Erkennbar sei dies an Erkrankten, die trotz guter Prognose überraschend und „grundlos“ verstürben, während andere mit schlechten Heilungsaussichten lange überleben könnten. Eine Autogenese sei anzustreben, die Entwicklung eines autonomen Wesenskerns mit eigenverantwortlicher Lebens- und Selbstgestaltung unter Loslösung von genesungsbehindernden Regeln und Normen. Der Kontakt zum inneren Wesenskern sei zentral, verbunden mit der Frage: Bin ich auf meinem Weg? Die Erfahrung, mitgestalten zu können, nicht mehr ohnmächtig zu sein, sondern entscheidenden Einfluss auf sein Leben nehmen zu können, bedeute eine Zunahme von Autonomie und könne den Therapieverlauf und die Lebensqualität verbessern.

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