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19. Patienten-Arzt-Kongress 18. - 19. Mai 2019 in Heidelberg

© GfBK/Friebe

Kongressbericht von Dipl.-Psych. Gertrud Rust,
Vorstandsmitglied mamazone - Frauen und Forschung gegen Brustkrebs e.V.

 

Ein Kongress der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr in Heidelberg ist für Krebs-patienten immer wieder ein ermutigendes Erlebnis. Bereits das Motto „Selbstbestimmt entscheiden“ weist auf Wege hin, die jenseits von Fremdbestimmung und daraus resultierenden Ohnmachtsgefühlen im Umgang mit einer Krebserkrankung möglich sind. Selbstbestimmte Entscheidungen erfordern besonders die Bereitschaft zur Übernahme von Eigenverantwortung, Selbstvertrauen und das Hören der „inneren Stimme“, die eine grundlegende Bedeutung für die Patienten Compliance (Therapietreue) hat. Sie gilt seit längerem als wichtiger Einflussfaktor für den Therapieerfolg.

Lachend den Kongress beginnen, wo erleben Krebspatienten das sonst? Mit ihrem mitreißenden Lachen gelang es der Therapeutin für Lachyoga, Monika Roth von der Lachschule Odenwald in Abtsteinach, die Stimmung zu lösen und ein Wohlgefühl im Auditorium hervorzurufen.  Der Organismus unterscheide nicht zwischen erzeugtem und spontanem Lachen, so Roth, eine Entspannung auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene trete gleichermaßen ein.  „Lasst uns singen, lasst uns lachen, einfach so“, wer sich darauf einließ, konnte dies direkt nachvollziehen.


Der Weg zu selbstbestimmtem Handeln

Prof. Dr. med. Jörg Spitz, Präsident der Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr,
wies in der Kongresseröffnung auf Hemmnisse in unserer Alltagswelt hin, die selbstbestimmtes Handeln erschweren. Zu übermächtig seien bisweilen die Beeinflussung durch manipulative Stimmungsmacher öffentlicher Medien und Werbemaßnahmen von Firmen, die Menschen zu Objekten von Absatzmärkten degradierten.
Entscheidend veränderte Umweltbedingungen führten laut WHO zu Todesfällen durch Zivilisationskrankheiten im hohen zweistelligen Millionenbereich, durch einen gesunden Lebensstil wäre jedoch eine Vielzahl von Erkrankungen vermeidbar.  Der Einfluss körperlicher Aktivität auf Stoffwechsel und Epigenetik (Zusammenspiel von Genaktivität und Lebensstilfaktoren) vermindere erheblich das Krebsrisiko, bei Normalgewicht verminderten sich chronische Entzündungsprozesse im Körper, und der Ausgleich eines Vitamin-D-Mangels durch Supplementierung ließe die Sterblichkeit um 49 Prozent sinken.
Der Mensch sei ein beeinflussbares System, und eine Krebserkrankung beinhalte eine Zellstoffwechselstörung, aber kein genetisches Schicksal. Selbstbestimmte Entscheidungen eröffneten dem „Inneren Arzt“ entscheidende Möglichkeiten zur Entfaltung heilungsfördernder Wirkung.


Auch der Ärztliche Direktor der GfBK, Dr. med. György Irmey, betonte angesichts der alltäglichen Informationsüberflutung die Schwierigkeit selbstbestimmten Handelns und ermunterte zu Fragen, die wir uns viel zu selten stellen: „Muss ich das, was ich angeblich muss, wirklich? Erlaube ich mir, etwas nicht zu müssen? Gestatte ich mir, selbst zu entscheiden und höre auf meine innere Stimme?“  Mit Ausnahme akuter Krankheitssituationen könnten therapeutische Entscheidungen ohne überrumpelnden Zeitdruck heranreifen. Die Vor- und Nachteile einzelner Wahlmöglichkeiten und die damit verbundenen Widersprüchlichkeiten könnten dabei weniger rational aufgelöst werden, sondern erforderten den Einbezug der Gefühlsebene. Das Hören der inneren Stimme weise den Weg zu sich selbst, und „der Verstand dient dem Herz“, so Irmey.  Eine unter äußerem Druck getroffene Therapiewahl erzeuge ein belastendes Getriebensein, wogegen ein Gefühl der Stimmigkeit, die emotionale Einsicht in Sinn und Zweck durchzuführender medizinischer Maßnahmen, von zentraler Bedeutung für den Krankheitsverlauf sei.


„Sinn erleben“ war auch das Thema von Prof. Dr. rer. nat.  Markolf Niemz, Biophysiker und Direktor der Mannheim Biomedical Engineering Laboratories (MABEL). Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe - so der Untertitel.
Selbstbestimmt entscheiden setze ein „Ich“ voraus. Was aber ist das „Ich“? Zellen erneuerten sich ständig, bleiben wir dennoch dieselben? Gibt es überhaupt ein „Ich“?
Der Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg betrachtete ein isoliertes individuelles Ich als Illusion, denn zwischen Ich und Umwelt bestehe eine ständige Wechselwirkung. So erzeuge die Beleuchtung eines Teilchens (kleine, mit bloßem Auge nicht wahrnehmbare Bestandteile von Stoffen) Schwingungen, die das Teilchen veränderten, gut beobachtbar im Mikroskop. Auf den Menschen übertragen bedeute dies, dass wir uns mit jeder Erfahrung weiterentwickeln.
Glauben Physiker an Gott? Eine spannende Frage. Mit den Experimenten der  Naturwissenschaft sei Gott zwar nicht beweisbar, dennoch gebe es gläubige Physiker. Für Max Planck bedeutete Gott eine naturgesetzliche Macht, die Religiosität Albert Einsteins bezog sich nach seinen eigenen Worten auf „eine unbegrenzte Bewunderung der Struktur der Welt“, und für Werner Heisenberg repräsentierte „Gott“ eine zentrale Ordnung aller Dinge.
Was bleibt, wenn ich gehe? Zu den Arbeitsgebieten von Markolf Niemz zählt auch die Nahtodforschung. Etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung erleiden Nahtoderfahrungen, circa ein Fünftel der Reanimierten erinnern sich an diesen kurzen Zeitraum, und fast alle schildern positive Erinnerungen, so Niemz. Berichtet werde von Schmerzlosigkeit und Frieden, von außerkörperlichen Erlebnissen mit einem Blick auf sich selbst, vom Durchlaufen eines Tunnels mit einem hellen Licht am Ende und einer Lebensrückschau als Jenseitserlebnis.
Die Schulmedizin deute diese Vorgänge als Endorphinausschüttung unter Sauerstoffmangel (Endorphine sind körpereigene Eiweiße mit morphinähnlicher Wirkung) und als Halluzinationen bei sinkender Hirnaktivität, die eigene Vorstellungen widerspiegelten. 
Alternativ beschreibe die Physik ein Tunnelerlebnis als „Searchlight-Effekt“ (Scheinwerfer-Effekt) aus der Relativitätstheorie. Bewege sich etwas in Lichtgeschwindigkeit auf ein Ziel zu, treffe Umgebungslicht gebündelt auf dieses Etwas ein, es entstehe das Bild eines dunklen Tunnels mit einem Lichtpunkt am Ende. Verlasse bei einem Nahtoderlebnis etwas unseren Körper und strebe in Lichtgeschwindigkeit einem hellen Ort zu? Sei es unser Bewusstsein, unser geistiges Ich, unsere Seele?
Lebenssinn entstehe nach Physiker Niemz aus der Einsicht, mit der Umwelt in einer Wechselbeziehung zu stehen, in einem menschlichen Netzwerk zu lernen und zu fühlen, dass im Verbund mehr als allein erreichbar sei. Verständnis, Mitgefühl und Liebe seien Werte, die das Empfinden von Lebenssinn ermöglichten.  Zum tieferen Verständnis seien Markolf Niemzs Bücher „Lucy im Licht - dem Jenseits auf der Spur“ und „Sinn - Ein Physiker verknüpft Erkenntnis mit Liebe“ genannt.


Selbstbestimmte Heilungswege, die Zuversicht vermitteln

Angela Keller, psychoonkologische Beraterin der GfBK und Leiterin des Projekts ÜberLebensKunst an der Volkshochschule in Hamburg erkrankte vor 21 Jahren an Brustkrebs und fühlt sich heute als geheilt. Nach Operation und Bestrahlung fand sie den Weg zu den Visualierungsübungen des zu den Pionieren der Psychoonkologie zählenden amerikanischen Onkologen Carl O. Simonton. Durch die Kraft der Vorstellung könne die Umgestaltung innerer Bilder ins Positive und eine Stärkung der Selbstheilungskräfte erreicht werden. Wege zu persönlichen Heilquellen eröffnen sich nach Angela Keller u.a. durch Entspannung und Achtsamkeit, durch Selbstliebe und Selbstfürsorge, durch Hoffnung und Selbstvertrauen. Wirkungen im Körper könnten auch durch Gefühle, Gedankenkraft, innere Überzeugungen und Körperhaltungen eintreten: „Hebt man den Blick, so sieht man keine Grenzen“.
Genesung werde durch alles gefördert, was Freude bereite und die Meidung von Situationen, die zu beeinträchtigenden Belastungen führten.
Ivelisse Page erhielt im Alter von 37 Jahren als verheiratete Mutter von vier Kindern die Diagnose „schnell wachsender Darmkrebs im Stadium vier mit Metastasen in der Leber“. Als Überlebenschance wurden ihr weniger als acht Prozent zugesprochen. Nach ausgedehnten Operationen an Darm und Leber verzichtete sie auf Chemo- und Strahlentherapie und setzte die Behandlung mit Mistelinjektionen, Thymuspräparaten und einem älteren Medikament gegen Magen-Darm-Geschwüre, das die Magensäureproduktion hemmt, fort. Zusätzlich nahm sie die Unterstützung durch einen naturheilkundlich orientierten Arzt in Anspruch. Seit 2008 ist Ivelisse Page inzwischen krebsfrei.  Ihr Onkologe war zur Begleitung auf dem selbst gewählten Weg bereit und äußerte sich so: „Bei Ivelisse war wegen ihrer Familiengeschichte ein gefährlicher Krankheitsverlauf zu erwarten. Dennoch entschied sie sich gegen die Schulmedizin, diese Patientin wollte etwas anderes. Langsam veränderte sich unser Verhältnis, ich lernte von ihr, nicht sie von mir, und aus Gründen, die wir nicht nachvollziehen können, ist sie heute krebsfrei“.
2011 gründete sie mit ihrem Ehemann die Stiftung „The Believe Big Institute of Health“: https://believebig.org/ mit dem Motto: Face it. Fight it. Overcome it. Ziel der Stiftung ist der Brückenbau zwischen Schul- und Komplementärmedizin, die Aufklärung über Vorsorge und Behandlung von Darmkrebs, die Kontaktvermittlung zu Ärzten mit Kenntnissen in der Mistel- und Ernährungstherapie und die spirituelle Unterstützung zur Angstkontrolle. Ivelisse Page schilderte die Kraft des Gebets zur Überwindung von Todesängsten, und ihre innere Stimme habe ihr dabei Mut zugesprochen.  Unter „I will have no fear“ stehen die Worte von Joshua 1:9: I will be strong and courageous. I will not be terrified; I will not be discouraged. For you, my Lord, are with me wherever I go.


Im Podiumsgespräch

Silke Kugler und Käthe Golücke beschrieben im Gespräch mit Dr. György Irmey in dankenswerter Offenheit ihren persönlichen Weg zu selbstbestimmtem Handeln.
Silke Kugler erhielt 2012 im Alter von 37 Jahren die Diagnose Brustkrebs. Fassungslosigkeit brach über sie herein, zumal ihre Schwester kurz zuvor an dieser Erkrankung verstorben war und sie in der 21. Schwangerschaftswoche stand. Es folgten vier Chemotherapiezyklen, verbunden mit tiefgreifenden Ängsten um das Wohlergehen des ungeborenen Kindes. Die dennoch mögliche Normalgeburt beschrieb Silke Kugler als ein sie durchdringendes Krafterlebnis. Trotz fortgeführter Chemo- und anschließender Strahlentherapie bildete sich innerhalb von zwei Jahren ein Knoten in der zweiten Brust, ihre innere Stimme riet ihr zur Mastektomie. 
Als in sich gekehrte Persönlichkeit schrieb sie sich ein Jahr lang belastende Gefühle und Erlebnisse von der Seele und vollzog damit einen „kreativen Switch“ von der Ergotherapeutin zur Schriftstellerin. Das Schreiben empfand sie als durchgreifende Veränderung, eine Öffnung vom Intro- zum Extravertierten. Eine Autorenlesung fand statt,  eine neue Erfahrung, ein weiteres Krafterlebnis, das ihr zeigte, wozu sie fähig war. Es folgten Kindergeschichten mit Eigenillustrationen. Bedürfnisse zu erkennen und zuzulassen, Aufenthalte im Wald, das Schweifen der Gedanken, sich nicht darum zu kümmern, was andere denken, bildeten für Silke Kugler eine Heilungsgrundlage. Dennoch entstand ein dritter Brusttumor. Die zweite Brust wurde entfernt und ebenfalls die Eierstöcke.
„Du kannst selbst zu Deiner Heilung betragen“ flüsterte die innere Stimme, ein tägliches Gesunderhaltungsprogramm aus Yoga, Meditation, Bewegung in der Natur und kreativem Schaffen sind nun genesungsfördernde Kraftquellen. Nicht zu vergessen die Veröffentlichung ihrer Bücher im eigenen „Federleichtverlag“. 
Käthe Golücke war 2014 im Alter von 33 Jahren mit der Diagnose Hodgkin-Lymphom konfrontiert. Die geschätzte Lebenserwartung betrug nur noch drei Monate. Voraus ging die Mitteilung verschiedener Symptome an mehrere Ärzte, die keinen eindeutigen Befund erheben konnten. Sie unterzog sich der empfohlenen Chemotherapie und folgte den schulmedizinischen Ratschlägen. Noch schwer belastet von den Folgen dieser ersten Therapie erlitt Käthe Golücke ein Vierteljahr später ein schnell wachsendes frühes Rezidiv mit Knochenbefall im fortgeschrittenen Stadium. Zu einer nun angeratenen Doppelhochdosischemotherapie mit Stammzelltransplantation sah sie sich angesichts der erneut zu erwartenden Belastungen nicht imstande. Die Aussicht auf eine womöglich wiederum erfolglose Chemotherapie lösten den Entschluss zur Suche nach anderen Wegen aus. Es folgte eine Zweitmeinungsodyssee sowohl bei schul-, als auch bei komplementärmedizinisch orientierten Therapeuten mit jeweils ähnlichen Ergebnissen: Mit der Ablehnung der Therapieempfehlung riskiere sie ihr Leben. Allein ein Arzt regte sie zum Nachdenken über „Sollbruchstellen“ in ihrer Gesundheit an und verwies sie an einen weiteren Spezialisten. Parallel nahm Käthe Golücke ihre Krankheit in die eigene Hand.  Sie lenkte ihr Leben in ruhigere Bahnen und stellte in beispielloser Konsequenz unter Berücksichtigung des Säure-Basen-Haushalts auf eine vegane Rohkostnahrung ohne Zucker und Kohlenhydrate um. Bereits nach wenigen Wochen war der Befund entgegen aller Prognosen im PET-CT sichtbar rückläufig, ihr Bauchgefühl hatte sie auf den richtigen Weg geleitet. Der hinzugezogene Spezialist bestärkte sie trotz schulmedizinischer Ausrichtung in ihrem Vorgehen und verwies auf die verminderte Erfolgsaussicht von Therapien, die nicht in innerer Überzeugung absolviert würden. Lediglich bildgebende Kontrollen sollten regelmäßig durchgeführt werden.  Ein halbes Jahr später zeigte das PET-CT keinerlei Befund mehr, die Erkrankung war überwunden, und die Erstprognose ist inzwischen bereits um dreieinhalb Jahre übertroffen. Unter https://help2check.me/ lernen Sie Käthe Golücke näher kennen.
„Was war am hilfreichsten?“ Diese Frage von Dr. Irmey beantworteten beide dieser mutigen Patientinnen mit „Selbstachtsamkeit und dem Hören auf die innere Stimme“. Sich Zeit für Entscheidungen zu gönnen, deren Konsequenzen man selbst zu tragen hat. Nach Toxizitäten im weitesten Sinn suchen, an verschiedenen Stellschrauben drehen, darauf hoffen, dass die richtige dabei ist und die Einsicht, dass es Wundermittel nicht gibt.


Brustkrebserkrankungen aus biologischer Sicht


Eine ganzheitliche Brustkrebstherapie und -nachsorge habe die Verschiedenartigkeit von Patientinnen zu berücksichtigen und erfordere eine individuelle Betrachtung medizinischer Empfehlungen, so Dr. med. Nicole Weis, beratende Ärztin der GfBK in ihrer Einführung. Die von 60 Prozent der Patientinnen in Anspruch genommene Komplementärmedizin sei als Ergänzung der Schulmedizin zu betrachten, als Baustein in einem therapeutischen Mosaik. Bei der gleichsam als Medikament wirkenden körperlichen Bewegung sei eine persönlich passende Sportart zu wählen, denn Bewegung solle und müsse Freude bereiten. Lernen könne man auch von den Populationen Hundertjähriger, deren Gemeinsamkeiten in viel Bewegung, moderater Nahrungszufuhr bei pflanzlicher Ernährung, dem Verzicht auf Rauchen, der Einschränkung von Alkohol, einem guten sozialen Umfeld und einer gelingenden Stressbewältigung bestünden.

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard, Frauenärztin mit Spezialisierung in Naturheilkunde und Umweltmedizin, lenkte den Blick auf mögliche Parallelitäten von Brustkrebs und Schilddrüsenerkrankungen. Die spontane Abfrage im Auditorium ergab bei zwei Dritteln der der Zuhörerinnen diese Doppelerkrankung.
Als essenzielles Spurenelement fördere Jod nicht nur die Gesundheit der Schilddrüse, sondern auch die Brustgesundheit.  Jod leite den natürlichen Zelltod (Apoptose) ein und wirke so als Krebsschutzfaktor. Jodmangel korreliere mit einer Schilddrüsenunterfunktion und Brustkrebs, Schilddrüsen- und Brustkrebs förderten sich gegenseitig. Eine Mastopathie (gutartige Brustveränderungen) könne mit hochdosierten Jodgaben geheilt werden. Ein Jodmangel entstehe durch eine zu geringe Aufnahme über die Ernährung, die zusätzlich durch rauchen, den Verzehr von Kohl und Rettich, Soja, Mais und Hirse gehemmt werde.
Natürliche Jodquellen seien Meeresfische und -früchte, Algen, Krustentiere und Meeresgemüse, allerdings lasse die Schadstoffbelastung von Meeresfischen die Jodzufuhr über Jodkapseln mit Algenextrakt in Bioqualität ratsam erscheinen.
In einer Studie von Shamsabadi et al. (2013) war die brustkrebshemmende Wirkung essbarer Algen derjenigen von Tamoxifen überlegen, Wu et al. (2016) fanden eine Verlangsamung des Krankheitsfortschritts durch den in Braunalgen enthaltenden Mehrfachzucker Fucoidan. Neben dem Gehalt an molekularem Jod wirkten Algen stark basisch, entgiftend und lieferten weiterhin zahlreiche Mineralstoffe, Spurenelemente und Omega-3-Fettsäuren mit stark entzündungshemmender Wirkung, deren Zufuhr auch über Algenöl möglich sei. 
Die Kraft der Natur sei auch gegen die unter antihormoneller Therapie auftretende Schädigung der Scheidenschleimhaut wirksam, so Ingrid Gerhard. Zunächst jedoch der Hinweis, dass ohne Darmsanierung keine nachhaltige Vaginaltherapie möglich sei. Der Enddarm diene als Reservoir für Milchsäurebakterien (Laktobazillen), die den Vaginaltrakt besiedelten. Laktobazillen sorgten in der Vagina für ein leicht saures Milieu und schützten so vor Krankheitserregern.  Bei einer geschädigten Scheidenschleimheut durch Östrogenmangel und einem gestörten Bakterienmilieu könne eine Scheidentrockenheit mit und ohne Entzündung entstehen. Therapeutische Maßnahmen beinhalteten die Schleimhautpflege mit Pflanzenölen und den Wiederaufbau mit Pflanzenhormonen. Die Darmsanierung mit Mikrobiota sorge für ausreichend einwandernde Laktobazillen und stärke damit die Abwehr von Krankheitskeimen. Geeignete Hilfsmittel seien Granatsamenöl und Majorana-Vaginalgel, niedrig dosierte Östriol Ovula, Vaginalzäpfchen mit Milchsäurebakterien, Sanddornölextrakte, Aloe-Vera Präparate sowie Colostrum.  Näheres auf der Homepage von Prof. Gerhard:
https://www.netzwerk-frauengesundheit.com/erkrankungen/scheide-und-vulva/scheidentrockenheit/
 
Neue Grünkraft für das Immunsystem bei Brustkrebs präsentierte Dr. med. Susanne Bihlmaier, Ärztin mit den Schwerpunkten Naturheilkunde und Traditioneller Chinesischen in Verbindung mit westlicher Medizin: https://www.bihlmaier-tcm.de/
Hildegard von Bingen (1098-1179) bezeichnete Grünkraft als Viriditas, eine Grundkraft, die der gesamten Natur innewohne und die Grundlage von Heilung bilde. Eine geschwächte Viriditas könne durch Aufenthalte in der Natur gestärkt werden. Für Sebastian Kneipp (1821-1897) verlaufe der beste Weg zur Gesundheit zu Fuß, mehr denn je gültig. Auch seine Erfahrung: „Erst als ich Ordnung in die Seelen brachte, konnte ich den Körper heilen“, finde sich in der Psychoneuroimmunologie wieder.
Das Japanische Zentrum für Medizin in Nippon schreibe Aufenthalten im Wald eine krebshemmende Wirkung zu. Bäume gäben zum Schutz vor Schädlingen und Krankheitserregern Phytonzide (Terpene) an die Luft ab, die beim Waldspaziergang eingeatmet würden. Phytonzide förderten die Vermehrung natürlicher Killerzellen (NK-Zellen) mit der Fähigkeit, Tumorzellen und virusinfizierte Zellen zu erkennen und abzutöten.
Durch die beruhigende und stressmindernde Wirkung eines Waldaufenthalts sinke der Blutdruck und die Ausschüttung von Stresshormonen.
Auch über die Atmung entfalte ein Waldbesuch eine therapeutische Wirkung. Die verbesserte Sauerstoffzufuhr bei tiefen Atemzügen verbessere die Durchblutung, rege die Darmtätigkeit an und steigere die Endorphinausschüttung. Weitere Informationen in der „Notfall-Apotheke in und aus der Natur“ von Bihlmaier & Bihlmaier (Juni 2019).


Dr. med. Annette Jänsch, Oberärztin an der Klinik für Integrative Medizin und Naturheilkunde des Klinikums Bamberg,
wies mit „Fasten und neue Ernährungsstrategien während Chemotherapie bei Patientinnen mit Brustkebs“ auf die Bedeutung von Fastenintervallen für die Verträglichkeit von Chemotherapien, den Krankheitsverlauf und die Krebsprävention hin. Während sich in der Frühzeit Hunger- und Essphasen abgewechselt hätten, bestehe heute ein Nahrungsüberangebot, welches Zivilisationskrankheiten begünstige. Der Körper könne seine Energie durch Essen gewinnen, aber auch durch die „innere Ernährung“ mit dem Abbau körpereigener Reserven. Fasten bedeute den Verzicht auf Nahrung in einem bestimmten Zeitraum, wodurch das Wachstumshormon IGF-1 (Insulin-like growth factor 1) sinke und der Zellschutz zunehme.  Bei Frauen, die nach einer Brustkrebserkrankung täglich 13 Stunden fasteten, sinke das Rezidivrisiko um 30 Prozent.  Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, empfehle an fünf Wochentagen moderates Intervallfasten: eine 14-stündige Fastendauer im Wechsel mit einer 10-stündigen Phase zur Nahrungsaufnahme.   Empfohlen sei ein vegan orientierter Ernährungsstil. 
Werde im Verlauf eines Chemotherapie-Zyklus unmittelbar vor Anwendung einer Infusion eineinhalb Tage gefastet, schalteten gesunde Zellen durch Verlangsamung des Zellstoffwechsels in einen Schutzmechanismus. Bei Tumorzellen löse der Nahrungsentzug dagegen eine vermehrte Zellstoffwechselaktivität aus, wodurch sie anfälliger gegenüber chemotherapeutischen Agenzien würden. Beendet werde dieses Kurzzeitfasten 24 Stunden nach erfolgter Infusion (BMC Cancer 2018 18:476). Auf die Pilotstudie, die eine gute Verträglichkeit und eine signifikant verbesserte Lebensqualität zeigte, folge nun eine dreiarmige multizentrische Studie mit drei Ernährungsformen während einer Chemotherapie: Normalkost, vegane Ernährung und intermittierendes Fasten (gleich Intervall- oder Kurzzeitfasten).  Die zentrale Bedeutung des Fastens liege in der reduzierten Ausschüttung der Wachstumshormone Insulin und IGF-1, sowie der überschießendes Zellwachstum anregenden Aminosäuren.
 
Mistel & Co.: Heilpflanzen in der anthroposophischen Krebstherapie, blickten auf eine reiche Tradition zurück, so Dr. med. Frank Meyer, Facharzt für Allgemeinmedizin in Nürnberg mit langjähriger Erfahrung in der Misteltherapie.
Interessante Eigenschaften der Mistel seien ihr kugelförmiges Wachstum mit Konzentration auf die eigene Mitte und die langsame, aber beharrliche Entwicklung in einem entschleunigten Prozess. Seit langem werde die weißbeerige Mistel (Viscum album) in der anthroposophischen Medizin als Basistherapie bei Krebs eingesetzt.  Sie beeinflusse neuroendokrine Effekte (Sekretion von Botenstoffen aus dem Nervengewebe), wirke auf das Immunsystem (Immunmodulation), stabilisiere die DNA (Träger der Erbinformation), leite die Tumorzellnekrose mit nachfolgendem natürlichen Zelltod (Apoptose) ein und wirke wie ein COX-2 Hemmer schmerzlindernd, entzündungshemmend und antitumoral.
Misteln wachsen auf verschiedenen Bäumen und nehmen unterschiedliche Wirkstoffe aus den Wirtsbäumen auf. Therapeutisch wirksam sei ein Mistelgesamtextrakt, und bei einer zur Patientenpersönlichkeit passenden Wirtsbaumwahl sei bereits am Injektionsort eine deutliche Reaktion beobachtbar. Eine Misteltherapie könne über viele Jahre durchgeführt und bei Bedarf durch eine weitere traditionelle Heilpflanze, die Nieswurz (Christrose),  ergänzt werden. Sie stelle eine sinnvolle Unterstützung schulmedizinischer Krebstherapie dar, wodurch sich die Lebensqualität deutlich verbessere und Nebenwirkungen verringert würden. Auch die Lebenszeit verlängere sich. Eine hochbetagte Brustkrebspatientin, 2017 mit einem aufgebrochenen Brusttumor in weit fortgeschrittenem Krankheitsstadium diagnostiziert, lebe heute noch. Nach eigenen Aussagen gehe es ihr unabhängig vom tatsächlichen Befund gut, und der Schmerzmittelverbrauch konnte deutlich gesenkt werden.
Zusatzinformationen unter: https://www.meyer-kocher.de/misteltherapie/


Resilienz und Ressourcen bei Krebserkrankungen

Resilienz - wie man psychische Widerstandskraft mit einfachen Mitteln stärken kann, beschrieb die selbst von einer Krebserkrankung betroffene Dipl.-Psych. Claudia A. Reinicke aus Dresden. Ihre Erfahrungen schildert sie in „Resilienz bei schwerer Krankheit“, Herder-2017.
Zur Entwicklung von Resilienz sei es wichtig, sich Ziele zu setzen und sich dieser Ziele in Form von Selbstorientierung immer wieder zu vergewissern. Ziele seien eine Zukunftsvision, die auch eine Entlastung in der Gegenwart ermöglichten. Dabei gelte es Informationen zu erhalten und ermutigende Ansprechpartner mit Empathie und Verständnis für die persönliche Lage zu finden.  Unter Nutzung dieses sozialen Umfelds sei zur Erreichung eines handlungskompetenten Zustands entschlossen zu handeln. Das von Claudia Reinicke entwickelte KIKOS-Modell, ein Kompass zur Integration komplexer sozialer Systeme zum  Erwerb von Handlungskompetenz, unterscheidet zwischen einem unmittelbaren Umfeld, die meist Ressourcen spendende Beziehungsumgebung mit Familie und Freunden und in ein erweitertes Umfeld mit Ärztinnen, Ärzten und beruflichen Kontakten, die häufig Ressourcen kosteten. Bei Arztgesprächen könne eine Begleitperson zur lösungsorientierten Kommunikation beitragen. KIKOS® biete eine Anleitung, wie mit wem zu einem bestimmten Zeitpunkt eine effektive Veränderung bewirkt werden könne. Die Orientierung an bereits vorhandenen Ressourcen (welche Handlungsmöglichkeiten stehen mir zur Verfügung) leite auf einen handlungskompetenten Weg. Beeinflusst werde das Vorgehen durch bisherige Erfahrungen und damit verbundene, in der Erinnerung abgespeicherte Emotionen. Eine vernunftbetone Problemlösung werde so durch emotionale Eindrücke beeinflusst. Hilfreich sei die bildhafte Vorstellung einer Pendelwaage mit positiven und negativen Gefühlen und die Frage, wodurch sich die Waage zur negativen Seite senke. Stellten sich negative Gefühle ein, könne Klopfen entlang von Meridianbahnen Erleichterung verschaffen. Diese Form der Selbstberuhigung führe auch zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit.


Vitamin D und mehr: Was der innere Arzt benötigt, um heilen zu können. Prof. Dr.med.  Jörg Spitz wies auf den allgemein verbreiteten Vitamin-D-Mangel infolge zu geringer Sonnenexposition hin. Die Sterblichkeit von Sonnenvermeidern liege höher als diejenige der Sonnenliebhaber.
Ein Serumspiegel von 75 nmol/l  oder 30 ng/ml von 25 (OH-D) sei das Minimum einer akzeptablen Versorgung. Bei geringeren Werten sei die Sterblichkeit erhöht.  Bei einem Körpergewicht von 70 kg bestehe bei einer täglichen Zufuhr von 4.000 Internationalen Einheiten (IE) keine Vergiftungsgefahr. Eine Vitamin-D-Ergänzung stehe in Verbindung mit einem verminderten Krebsrisiko und einer verbesserten Prognose.  Nicht nur Krebszellen selbst würden gehemmt, sondern auch deren Mikroumgebung beeinflusst. In einem aktuellen Studienüberblick (Review) werde Vitamin D erneut als wirtschaftliches Antikrebsmittel vorgeschlagen: Wu, Xu et al. usw. “Repurposing vitamin D for treatment of human malignancies via targeting tumor microenvironment.” Acta pharmaceutica Sinica. B vol. 9,2 (2019): 203-219.
Die Höhe des Vitamin-D-Spiegels stehe in Beziehung mit dem Auftreten von Brust- und Darmkrebs, sowie mit der Überlebenszeit. Werde bei einer Brustkrebserkrankung ein hoher Vitamin-D-Spiegel erreicht, sinke die brustkrebsspezifische Mortalität um 49 Prozent. Ein zu niedriger Spiegel steigere dagegen das Metastasierungsrisiko um 94 Prozent. Auch ein Knochenmasseverlust sei mit ausreichend Vitamin D zu vermindern, zusätzlich werde das Immunsystem moduliert. Vitamin D aktiviere die T-Lymphozyten und gelte deshalb als ein Schlüsselhormon der Immunabwehr. Mit den richtigen Ressourcen sei der Körper erneuerungsfähig, dazu zählten ebenfalls körperliche Bewegung, der Gebrauch entzündungshemmender Nahrungsfette und die Vermeidung von Übergewicht.
Die heutigen Umweltbedingungen seien nicht mehr menschen-/artgerecht und beeinflussten durch epigenetische Modulationen die Genfunktionen. Dadurch würden in Zellen Stoffwechsel- und Steuerungsstörungen im Sinn einer Systemstörung hervorgerufen.


Selbstliebe und Selbstheilungskraft - die innere Haltung wirkt immer mit, ist der seit über dreißig Jahren mit dem Schwerpunkt Salutogenese und Krebs in der Klinik Öschelbronn tätige Psychoonkologe Josef Ulrich überzeugt.
Jeder Mensch sei sein eigener Experte und könne sich fragen: Wo kommen meine Kräfte her und wo gehen sie hin? Was kann verdaut werden, nicht nur in der Ernährung? Um den Tumor sei ein Mensch, der sich in Begegnungen Zuwendung holen und Mitgefühl erleben könne. Die Annäherung an seinen inneren Arzt bedeute Verantwortung zu übernehmen, sich auf den Weg zu machen, ins Werden als in ein sich entwickelndes Geschehen zu gehen. Die Diagnose „Das ist und Du hast“ könne auch als „momentan ist das so“ verstanden werden. Ins Werden gehen hieße hier in die Heilung, in die Reparatur, Reparaturvorgänge entsprächen der Selbstheilung. Bei einer Heilung entstehe am Krankheitsort neues Gewebe, und auch die ärztliche Aussage „unheilbar“ besage nicht, dass keine Heilkräfte mehr vorhanden seien. Bei einer Erkrankung wirkten gleich einem Musikorchester verschiedene Instrumente zusammen. Es gälte, sich selbst neu zu stimmen, auch in Beziehungen zum Ich, zu sich selbst zu finden, in einer Autogenese in die Selbstwerdung einzutreten und eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung anzustreben. Vertrauen nicht nur zum Arzt, sondern auch zur eigenen inneren Stimme im Kontakt mit mir selbst steuere den Heilungsprozess. Heilung basiere zu je einem Drittel auf Medizin, auf Eigenanteilen, Natur und Spiritualität.  Heilung entstehe in diesem System, und die Konzentration auf einen der Teilbereiche übersehe das Zusammenwirken dieser einzelnen Heilkräfte. Heilung sei ein Weg, und Heilungswege seien individuell, so ein Zitat von Prof. Dr. med. Gerd Nagel, der Ende 40 mitten im Leben an akuter Leukäme erkrankte. Inzwischen hat er das achtzigste Lebensjahr überschritten. Das Hauptaugenmerk gelte der Frage: „Wie erzeugen wir Gesundheit?“, statt „Wie kurieren wir Krankheit?“, so Josef Ulrich.


Vertrauen in Arzt und Therapie aufbauen bei schwerer Erkrankung - die persönliche ärztliche Zuwendung ist Grundpfeiler jedweder Therapie, Prof. Dr. med. Giovanni Maio, Philosoph und Medizinethiker aus Freiburg,
vertrat diesen Standpunkt in einer selten zu erlebenden Intensität des Vortrags.
Betriebliche Aspekte hätten in der derzeit praktizierten Medizin die Oberhand gewonnen und die Patienten aus dem Blickwinkel verloren. Patientin und Patient seien zu Objekten einer Checklistenrationalität degradiert worden. Eine durch Patienten begründete Medizin reduziere sich inzwischen auf Verrichtungen, Nachweisbares und Zählbares, wogegen der Sinn der Medizin nicht in der Aktion, sondern in der Interaktion liege. Der zwischenmenschliche Aspekt könne jedoch nicht ausgeblendet werden, die Verständigung zwischen Arzt und Patient, der Respekt im Umgang mit Menschen seien vorrangig. Medizin sei kein äußerer Reparaturbetrieb, sondern der Arzt-Patientenbeziehung käme Priorität zu. Die Beschränkung ärztlicher Behandlung auf technische Aktionen bedeute einen Reduktionismus, der menschliche Hilfe verunmögliche. Durch die hohe Bezahlung der Aktion und die Unterbezahlung der Interaktion würden falsche Anreize gesetzt, die das „Durchschleusen“ von Patienten in attraktivem Licht erscheinen ließen. Die Frage „Wie hoch ist der Ertrag?“ erzeuge eine Atmosphäre der Beschleunigung mit nachfolgender menschlicher Entfremdung. Die Unverwechselbarkeit des Einzelnen gerate in den Hintergrund. Dagegen entstünden Typisierungen, kategorisierte Menschen würden zu Schablonen, die eine standardisierte Abfertigung im Rahmen üblicher Behandlungsabläufe erleichterten. Dies entspreche keinesfalls dem Wesen patientenorientierter Medizin.
Der zwischenmenschliche Charakter der Arzt-Patientenbeziehung sei jedoch kein „Sahnehäubchen“, sondern solle sich wie ein roter Faden durch den Therapieverlauf ziehen. Noch ohne den Patienten gesehen zu haben, entstünden bereits auf Basis der Diagnose Handlungspläne. Eine Diagnose entspreche jedoch nicht der Erkenntnis, was zu dem Patienten passe und womit ihm zu helfen sei. In der heutigen medizinischen Ausbildung werde das nicht gelehrt, Fortschritte entstünden in der technischen Medizin, Rückschritte dagegen in der menschlichen Interaktion.
Ärzte müssten jedoch zuhören können, und Hilfe sei erst durch das Ernstnehmen dessen möglich, was ein Patient zu sagen habe. „Was hat der Patient?“ sei nicht gleich „Wer ist der Patient?“. Die ärztliche Zuhörleistung bestehe in der Signalisation: „Was Du sagst, ist wichtig, Du bist jemand“. Demoralisierend wirke dagegen das negative Sprechen über die Erkrankung und die entwürdigende Verrasterung des Patienten zum Objekt. Ein Patient könne nicht zum Gegenstand gemacht werden.
Das ärztliche Gespräch sei die am meisten unterschätzte Therapiemöglichkeit. Es gehe dabei nicht nur um Informationen für die Behandlungsplanung, sondern auf Patientenseite müsse das Gefühl entstehen, verstanden worden zu sein. Dagegen bildeten sich Ärzte häufig zu früh eine Meinung, ordneten Informationen in Bekanntes ein, es entstünde ein „Typ von“, wobei Andersartigkeiten vernachlässigt würden. Die Überraschungsbereitschaft sei viel zu gering.
Die Verstehensbereitschaft lasse dagegen Vielschichtigkeit zu, reduziere nicht auf Bekanntes, sondern begebe sich auf einen Verstehensweg. Nach dem Philosophen Hans-Georg Gadamer bedeute verstehen die Bereitschaft, sich den eigenen Horizont durch das Gespräch mit dem Anderen erweitern zu lassen. Der Sinn eines Gesprächs liege nicht in der Abfrage, sondern im Ansprechen des Gegenübers und der Entwicklung neuer Perspektiven durch eine gemeinsame Erkenntnis. Durch die Anerkennung von Andersartigkeit und die Auflösung von Fremdheit entstünde Heilkraft, der Patient könne etwas sagen und sei nicht allein damit.
Ein ärztliches Gespräch solle neuen Mut ermöglichen, Hoffnung und die innere Gewissheit vermitteln, Problemen gewachsen zu sein und persönliche Wege finden zu können. Erforderlich sei deshalb eine Neubesinnung der modernen Medizin auf die zentrale Bedeutung der Qualität des Zuhörens. Stehender Applaus des Auditoriums zeigte, dass Giovanni Maio den wunden Punkt der Arzt-Patienten-Beziehung getroffen hatte.


Heil-Mantras und meditative Gesänge aus den Kulturen der Welt – von Indien bis Taizé, der Arzt und Musiker Wolfgang Friederich, Leiter des Klangheilzentrums München
, führte mit den Chants der Welt in eine harmonische Klangwelt mit tröstlichen Texten. „Halte noch ein wenig länger aus, bete, singe, kämpfe, alles wird gut werden“, „Sei gegrüßt, Friede sei mit Dir“, „Der Fluss fließt, er wächst und fließt zurück ins Meer. Mutter Erde trage mich, ich werde immer Dein Kind bleiben, Mutter Erde, trage mich zurück ins Meer“.  Drei Beispiele aus einem Nachmittag mit Heilklängen und -gesängen in der Gruppe, die auch zunächst zurückhaltende Teilnehmer lösten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zauberten. Gemeinsam singen, man kann es nur empfehlen. Schwere Gedanken treten so wenigstens für ein paar Stunden in den Hintergrund.





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