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Es wächst zusammen, was zusammengehört

Erster Wissenschafts-Kongress zur Integrativen Therapie bei Brustkrebs

Die integrative Therapie – also die Vernetzung von konventionellen und komplementär-medizinischen Behandlungsverfahren - ist in der Onkologie endgültig „angekommen“. Das ist das Fazit des ersten Wissenschafts-Kongresses zur „Integrativen Therapie des Mammakarzinoms“ im Februar in Berlin. Mehr als 300 Teilnehmer aus ganz Deutschland waren schon zum Ärztekongress am Samstag gekommen, um sich aus erster Hand über die neuen Möglichkeiten in der integrativen Brustkrebsbehandlung zu informieren.  Die Resonanz am folgenden Patientinnentag war noch größer: Über 400  Patientinnen und Brustkrebsinteressierte besuchten die Vorträge und Workshops im Kongresszentrum Neue Mälzerei.

„Die Komplementärmedizin ist heute aus einem Brustzentrum nicht mehr wegzudenken, weil die meisten Frauen Mittel und Verfahren aus dieser Therapierichtung anwenden“, stellte Prof. Dr. Marion Kiechle, Direktorin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Klinikum rechts der Isar in München, eingangs fest. Noch vor mehreren Jahren wäre ein solcher Kongress in dieser Größenordnung und unterstützt von den großen medizinischen Fachgesellschaften und der Deutschen Krebshilfe nach ihrer Einschätzung undenkbar gewesen.


Patientinnen wollen „integrative Onkologie“

In seiner Begrüßung hob auch Dr. Thomas Breitkreuz, Mitglied des Vorstands der Gesellschaft der anthroposophischen Ärzte Deutschlands (GAÄD) hervor, auf welch breite Resonanz der Arzt-PatientInnen-Kongress gestoßen ist. Nicht nur Ärzte aller Fachrichtungen und Patientinnenorganisationen wie mamazone oder die Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr, son-dern vor allem auch die medizinischen Fachgesellschaften zeigten sich dem Thema gegenüber von Anfang an aufgeschlossen. Der jetzt in Gang gesetzte Dialog der vermeintlichen Parallelwelten sei auf Initiative der Patientinnen zustande gekommen, betonten der Leiter des Brustzentrums am Jerusalem Krankenhaus in Hamburg, Prof.  Martin Carstensen sowie der Internist und Facharzt für Naturheilverfahren Prof. Gustav Dobos und der Gynäkologe PD Sherko Kümmel, die das Projekt Seno-Expert in den Kliniken Essen-Mitte aufbauen. Das Bedürfnis der Patienten wurde zum Bedarf der Onkologie, so die einhellige Meinung.  80 Prozent der Krebspatienten in Deutschland nehmen – meist ohne Wissen ihres Onkologen – komplementärmedizinische Heilverfahren in  Anspruch.  Führend dabei sind die Brustkrebspatientinnen, die die behandelnden Ärzte immer öfter mit der Frage konfrontieren: Was kann ich noch für mich tun? und oft heimlich „fremdgehen“.


Die wissenschaftliche Krebsmedizin allein gibt keine Sicherheit

Die Ärztin und Brustkrebsbetroffene Rita Rosa Martin verwies in ihrem Einführungsreferat auf die besondere Motivation der Patientinnen. „Die Krebsmedizin gibt mir mit all ihrer Wissenschaft und ihren Studien keine Sicherheit“. Eine komplementäre Therapie biete dagegen mehr „gefühlte“ Sicherheit. „Ich wünsche mir eine Entheimlichung der komplementären Medizin, damit die Patientin die Wertschätzung zurückbekommt, die sie benötigt, um Vertrauen in die Therapie zu haben“, sagte sie wörtlich.  Allerdings, so bemängelt Martin, gäbe es gerade bei den komplementärmedizinischen Verfahren nicht nur eine begriffliche Unklarheit, sondern vielmehr auch eine inhaltliche. „„Wie erkenne ich, ob eine Therapie seriös ist,  wie kann ich sicher sein, dass gerade diese Behandlung zu mir passt.“ Hier wünschte sie sich mehr Trennschärfe. Auch das Adjektiv „integrativ“ sieht die Berliner Ärztin im Zusammenhang mit onkologischen Therapieansätzen an sich schon als problematisch an. Integration heiße Eingliederung. „Aber wer integriert hier wen – die Schulmedizin die Komplementärmedizin oder die Komplementärmedizin die Schulmedizin“, lautete ihre Frage. Ihr Vorschlag für eine zutreffendere Bezeichnung: Dialogische Medizin.


Integrative Onkologie – ein Name, viele Umsetzungsmodelle

Jedes Zentrum interpretiert und gestaltet sein integratives Therapiekonzept anders, wie in Berlin deutlich wurde.  In München liegt ein Schwerpunkt im Bereich von Ernährung, Gewichtsmanagement und Sport. Prof. Marion Kiechle wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine Lifestyle –Veränderung das Brustkrebsrisiko um bis zu 50 Prozent senken kann. In Hamburg haben Patientinnen die Möglichkeit, parallel zur konventionellen Therapie, eine Akupunkturbehandlung in Anspruch zu nehmen.  Insbesondere bei Übelkeit, Polyneuropathien, Müdigkeit und den oft mit der antihormonellen Therapie einhergehenden Gelenk- und Muskelschmerzen zeigt traditionelle Akupunktur überzeugende Erfolge, so Barbara Kirschbaum vom Jerusalem Krankenhaus in Hamburg.  Das gelte aber nur dann, wenn sie regelmäßig über einen längeren Zeitraum von einem erfahrenen Akupunkteur eingesetzt werde. „Wir haben hier noch ein Ausbildungsdefizit – gerade im Hinblick auf die onkologischen Erkrankungen. Denn  wir stechen hier keine Standard-Akupunkturpunkte, sondern – anders als viele Orthopäden - ganz spezielle“, berichtete die Hamburger Therapeutin.

In Witten-Herdecke ist die anthroposophische Medizin seit vielen Jahren Normalität im Behandlungsalltag. Hier ist man den umgekehrten Weg gegangen und hat das Brustzentrum, das inzwischen von der DKG zertifiziert worden ist, in die anthroposophische Klinik integriert. Mit sehr gutem Erfolg, wie die leitende Ärztin Dr. Annette Voigt berichtete.  „Zu uns kommen Patientinnen von weit her, die gut informiert sind, hohen Kommunikationsbedarf haben und gerade auf die besondere Art unserer Betreuung Wert legen“, erklärte sie.  Besonders spannend findet es die Medizinerin, den Weg von Patientinnen zu verfolgen, die einer Therapieempfehlung nicht folgen. „Da sind immer wieder ganz erstaunliche Heilungsverläufe zu beobachten und wir lernen mit jeder Patientin“.


Jede Frau hat ihre persönliche Geschichte

Die Vorträge des Patientinnentags standen ganz im Zeichen persönlicher Erfahrungsberichte.  Ulli Kappler und Annette Rexrodt von Fircks beleuchteten in zwei bewegenden Referaten, in denen sich sicherlich so manche Patientin wiederfand, wie sie sich mit ihrer Brustkrebserkrankung auseinander gesetzt und ihren eigenen Weg gefunden haben.  Rexrodt von Fircks, die inzwischen auch zwei Stiftungen für krebskranke Mütter und ihre Kinder ins Leben gerufen hat, stellte eindrucksvoll anhand ihrer eigenen Geschichte dar, wie schwer es ist, Kindern die Krebserkrankung der Mutter zu vermitteln.  30 Prozent der Frauen, die an Brustkrebs erkranken, haben Kinder und diese sind zumeist jünger als 16 Jahre.  200.000  Kinder und Jugendliche sind insgesamt betroffen und stellen sich ähnliche Fragen wie  die Söhne und die Tochter von Annette Rexrodt: „Ist Krebs ein Tier und ist das böse? Kann ich das auch bekommen, ist Krebs ansteckend? Muss meine Mama jetzt sterben?“  Auf diese Fragen, so die Empfehlung der Ratinger Buchautorin, sollten Kinder eine ehrliche Antwort bekommen. Und auch die Ängste – die eigenen und die der Kinder – sollte man ernst nehmen. „Dann müssen Babies ja verhungern, wenn man ihrer Mama die Brust abnimmt“, habe z.B. ihre Tochter ängstlich gefragt, als sie von der bevorstehenden Amputation der Brust erzählte.

Ehrlichkeit – auch bei schwieriger Prognose – ist für die heute 51jährige, die im Alter von 35 Jahren an Brustkrebs erkrankte, so wichtig wie Hoffnung. „Ich sag Euch Bescheid, wenn’s schlimmer wird“ hat sie ihren Kindern versichert und gemeinsam mit ihnen versucht, an jedem Tag Schätze zu finden, die nicht mehr weggenommen werden können. Auf die Frage, warum sie – trotz statistisch schlechter Überlebensprognose – immer noch lebe, hat Annette Rexrodt eine überzeugende Antwort: „Die Hoffnung hat eine entscheidende Rolle gespielt. Ohne Hoffnung stelle ich die Frage nicht: Was kann ich mir Gutes tun?“


Es gibt kein Patentrezept für’s Überleben

Davon ist auch Ulli Kappler überzeugt, die in ihrem Vortrag humorvoll und ernst zugleich ihren eigenen Weg von der Diagnose „Brustkrebs“ im Jahr 1999 bis heute vorstellte. Von Anfang an hat die Wahl-Münchenerin, die seit vielen Jahren die mamazone Regionalgruppe in der bayerischen Landeshauptstadt leitet, neben der Schulmedizin auf komplementäre Methoden gesetzt – dabei vieles probiert,  auch viel Unsinniges -, wie sie heute selbstkritisch zugibt.  Bestärkt in der Überzeugung, ihren eigenen Weg finden und gehen zu müssen, hat sie unter anderem auch die Tatsache, dass verschiedene  Ärzte ihr ganz unterschiedliche Therapieempfehlungen gaben.  „Da wusste ich: Es gibt nicht d e n Weg, sondern ich muss meinen finden“ – erinnert sich die pensionierte Lehrerin.  Ihr Fazit: “Mein Weg ist nur einer von vielen Wegen, die zu Gesundheit und Lebensfreude führen können. Er muss für niemanden sonst richtig sein. Der Krebs hat mich verändert. Ich bin achtsamer geworden, gelassener und großzügiger im Denken und Handeln – und manchmal auch verletzlicher. Und anders als früher bin ich dankbar – einfach dafür, dass ich lebe und es mir so gut geht.“


Integrieren – Wiederherstellen des Ganzen

Dr. Marion Debus, Leitende Ärztin der Onkologischen Schwerpunktstation am Medizinischen Versorgungszentrum des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe, Berlin stellte in ihrem Einführungsreferat die Frage: „Integrative Onkologie – was heißt das eigentlich?“ Die Medizinerin, die auf der „Krebsstation“ ihrer Klinik Patientinnen und Patienten auch anthrosophisch behandelt,  ist überzeugt: „Auch die Medizin selbst ist ein Patient. Denn Integrieren heißt Wiederherstellung eines Ganzen, und wir müssen uns fragen, ob nicht auch die Medizin einer neuen Ganzheit bedarf.“ Die Schulmedizin, so ihre Beobachtung, konzentriere sich auf den „somatischen“ – also den körperlichen Befund und den Tumor. Meist werde aber nicht nach der Individualität der betroffenen Frau gefragt.  Das „Ich“,  die unverwechselbare Individualität mit ihrer Wucht der Gefühle wie  Wut, Trauer, Freude, Verzweiflung bleibe  bei der Behandlung oft auf der Strecke.  Um eine Krebserkrankung zu bewältigen, ist es nach Erfahrung der Onkologin wichtig, das „Ich“ zu stärken und die Erkrankung nicht als Störfall zu betrachten. „Nach der Erkrankung gibt es eine neue, andere Gesundheit – insoweit kann der Sinn der Krankheit sich manchmal erst in der Zukunft erschließen.“ Wichtig für das Gelingen einer integrativen Therapie ist für die Berliner Ärztin auch eine neue Art der Begegnung zwischen Arzt und Patient.  Vertrauen und Empathie sind die Grundlagen einer erfolgreichen Behandlung. Denn die ärztliche Kompetenz bezieht sich auf die Behandlung, die der Patientin aber auf das Krankheitserleben. 


Komplementärmedizin wird auch einen festen Stellenwert in den Leitlinien haben

Auf der Podiumsdiskussion am Sonntag erörterten ÄrztInnen und Selbsthilfe-VertreterInnen die Frage, wie Patientinnen heute eine Therapie bekommen können, die sowohl dem neuesten Stand des Wissens entspricht, als auch ihrer individuellen Situation Rechnung trägt. „Leitlinien sind keine Zwangsverpflichtungen, sondern Empfehlungen, nach denen sich Ärzte richten können, aber nicht müssen“, meinte Prof. Dr. Kurt Possinger, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie an der Charité Berlin. Dem schloss sich auch Prof. Dr. Tanja Fehm, Leitende Oberärztin der Gynäkoonkologie an der Frauenklinik am Universitätsklinikum Tübingen und Mitglied der Leitlinien-Kommission der Arbeitsgemeinschaft Onkologie in der Gynäkologie (AGO) an. Sie ist sich sicher, dass die Komplementärmedizin künftig in den Leitlinien berücksichtigt werden wird.  Beide verwiesen darauf, dass auch die positive Wirkung des Arzt-Patienten-Verhältnisses auf den Krankheitsverlauf und die Therapie nicht zu unterschätzen sei.


Geld für Forschung ist notwendig

Einig waren sich die Experten auch, dass hinsichtlich der Erforschung der Wirksamkeit komplementärmedizinischer Behandlungsverfahren noch viel zu tun ist. „Gesundheitspolitik, Krankenkassen und auch die Deutsche Forschungsgemeinde interessieren sich noch zu wenig für integrative Ansätze“. so. Dobos. „Wir brauchen dringend auch öffentliches Geld, um die Wirkung der Komplementärmedizin auch wissenschaftlich zu belegen. Denn die Pharmaforschung, die ausschließlich an Medikamentenentwicklungen interessiert ist, investiert hier nicht“ Derzeit werden Forschungsvorhaben und Modellprojekte vor allem aus Stiftungsgeldern und Spenden finanziert. „ Hier muss es zu einem Umdenken im Interesse von Versicherten und Patientinnen kommen“, so seine  Forderung. „Denn wir sind überzeugt: Durch ein Mehr an integrativem Vorgehen lassen sich langfristig auch Kosten im Gesundheitssystem sparen.“ (akk)

 

An beiden Kongresstagen wurden die Vorträge durch Workshops ergänzt und abgerundet. Anhand von Best Practice-Beispielen wurde eine Vielfalt von Themen diskutiert, zum Beispiel bei den Ärzten Fragen zur Misteltherapie, Psychoonkologie, Hyperthermie, aber auch Aspekte der Spiritualität und Achtsamkeit. Bei den Patientinnen ging es um Themen wie Ernährung, Bewegung, Patientenrechte, Lachtraining  sowie immer wieder um beeindruckende Beispiele zur individuellen Bewältigung der Krankheit.

Alle Vorträge und eine Filmdokumentation des Kongresses finden Sie unter www.brustkrebs-integrativ.de.