BrustkrebswissenFrüherkennung, Diagnose & Therapieoptionen

Zielgerichtete Therapien – Grundsätzliches

„Targeted Therapy“ - was steckt wirklich dahinter?

Zielgerichtete Therapien, auch Targeted Therapy genannt, setzen an bestimmten Tumor-Andockstellen an und entfalten ihre Wirkung direkt am Tumor. Es handelt sich um Krebsmedikamente. Vereinfacht gesagt, stören einige dieser Medikamente Signalwege der Krebszellen, die für das ungebremste Wachstum dieser Zellen wichtig sind. Andere wiederum behindern Reparaturmechanismen von Tumorzellen oder sie dringen in die Krebszellen ein und zerstören diese durch beigefügte Chemotherapeutika. Und wieder andere unterstützen einfach unser Immunsystem im Kampf gegen Tumorzellen.

Das Besondere an diesen Therapien ist im Vergleich zu vielen anderen bisher bekannten Therapeutika die weitestgehende Verschonung gesunder Zellen, weil gesunde Zellen die speziellen Merkmale, die bei diesen Medikamenten als Angriffspunkte dienen (Zielstrukturen), eben nicht aufweisen. Daher sind diese Therapien in der Regel deutlich besser verträglich als Chemotherapien, die ja alle Zellen, also auch gesunde Zellen (wenn diese sich gerade in einem Teilungsprozess befinden) zerstören. Dennoch haben auch zielgerichtete Therapien Nebenwirkungen, die belastend, manchmal auch schwerwiegend sein können.  

Wir halten fest:

Verschiedene zielgerichtete Therapien setzen an unterschiedlichen Zielstrukturen von Krebszellen an. Sie können nur wirken, wenn der Tumor die jeweilige Zielstruktur tatsächlich aufweist!

Deshalb ist die Bestimmung von tumorbiologischen Eigenschaften so wichtig für die Wahl der Therapie. Oft werden zielgerichtete Therapien zusätzlich zur Chemotherapie gegeben, manchmal werden auch unterschiedliche zielgerichtete Therapien miteinander kombiniert.

Erfolgsgeschichten die Mut machen

  • Die älteste zielgerichtete Brustkrebstherapie ist die Antihormontherapie. Diese setzt gezielt an den Hormonrezeptoren an und blockiert so das Wachstum von Hormonrezeptor-positiven Tumoren. In der Praxis ist sie von großer Bedeutung, weil ca 70% - 80% der Mammakarzinome Hormonrezeptor-positiv sind, also auf diese Therapie ansprechen. Aus diesem Grund haben wir der so häufig verschriebenen Antihormontherapie mit den Medikamenten Tamoxifen (einem selektiven Östrogenrezeptormodulator), Aromatasehemmern (Enzymhemmer mit Hemmung der Hormonproduktion) und GnRH-Analoga (synthetische Analoga des Neurohormons Gonadotropin-Releasing-Hormon mit Absenkung des Östrogenspiegels im Blut) auch einen eigenen großen Artikel gewidmet. Nachstehend finden Sie dann Informationen zu weitergehenden zielgerichteten Therapien, die eingesetzt werden können, falls der hormonrezeptor-positive Tumor nicht mehr gut auf diese Antihormontherapie anspricht.
     
  • Eine andere äußerst wichtige zielgerichtete Therapie ist die Anti-HER2-Therapie. Hier unterbindet man auf unterschiedliche Weise das HER2-bedingte aggressive Wachstum der Tumoren. Ca 25-30%, oftmals auch sehr junge Patientinnen, haben HER2-positive Tumoren, für die diese Therapie geeignet ist. Sie haben Dank dieser Therapie nun schon seit vielen Jahren eine stark verbesserte Prognose!
     
  • Aber auch für Patientinnen, deren Brustkrebs triple-negativ  (also weder Hormonrezeptor-positiv, noch HER2-positiv) ist, stehen zielgerichtete Therapien zur Verfügung. Denn es gibt auch bei TNBC (Triple-Negative Breast Cancer) tumorspezifische Eigenschaften, die man mit diesen Therapien angreifen kann.

Zielgerichtete Therapien, die Zukunft der medikamentösen Krebstherapie?

In die zielgerichteten Therapien werden große Hoffnungen gesetzt, weil man die belastenden Chemotherapien wo immer möglich vermeiden möchte. Dennoch finden sich noch nicht für alle Brusttumore ausreichend wirksame zielgerichtete Therapien. Deshalb hat die Chemotherapie nicht ausgedient und wird auch in naher Zukunft weiterhin eine wichtige Therapieoption bleiben.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in aller Welt suchen und finden aber immer neue Ansatzpunkte für zielgerichtete Therapien. Um diese Therapien effektiv nutzen zu können, muss zunächst geklärt werden, welche Zielstrukturen der Tumor einer Brustkrebspatientin aufweist.  Daher ist eine möglichst genaue Bestimmung der molekularbiologischen, genetischen Eigenschaften des Tumors von großer Bedeutung. Denn nur wenn die jeweiligen Angriffspunkte für eine zielgerichtete Therapie vorhanden sind, können diese Medikamente wirksam eingesetzt werden.

Schon gewusst?

Tumoren, die an unterschiedlichen Organen auftreten, haben oft dieselben tumorbiologischen Eigenschaften. So kann beispielsweise eine Zielstruktur, die es bei Magenkrebs gibt, auch bei einem Brustkrebs vorliegen. In so einem Fall ist es wahrscheinlich, dass ein zielgerichtetes Medikament, das bereits für Magenkrebs zugelassen ist, auch bei diesem Brustkrebstyp wirkt. Für so ein Medikament kann die Zulassung für die Anwendung bei den dafür geeigneten Brustkrebstumoren dann schneller erfolgen, weil die meist langwierigen Zulassungsstudien bezüglich der Verträglichkeit verkürzt werden können. Die Anforderungen an die Zulassungstests bezüglich der Wirksamkeit bleiben davon natürlich unberührt.  

Sehen Sie hierzu auch den Vortrag „Präzisionsonkologie- Genomprofiling und Therapiewahl“ den Fr. Dr. med. Rachel Würstlein auf unserem Diplompatientinnen-Kongress 2019 gehalten hat (nur für Mitglieder freigeschaltet).

Vorab ein Hinweis:
Welche konkreten Wirkstoffe bzw. Medikamente für zielgerichtete Therapien von Brustkrebs derzeit zur Verfügung stehen und wann Sie eingesetzt werden können, finden Sie in den separaten Kapiteln

Sehen Sie hierzu auch den Vortrag "Dreimal Plus - Der triple positive Tumor" den Herr Prof. Dr. med. Christian Dannecker auf unserem Diplompatientinnen-Kongress 2021 gehalten hat. (Nur für Mitglieder freigeschaltet)

Zunächst möchten wir Ihnen aber einen Überblick über die Einteilung von zielgerichteten Therapien und deren verschieden Wirkprinzipien (stark vereinfacht) geben.

Die zielgerichteten Therapeutika für Brustkrebs lassen sich ganz grob in Antikörper, Antikörper-Wirkstoffkonjugate, Kinasehemmer und PARP-Hemmer einteilen. 

  1. Antikörper (auch monoklonale Antikörper genannt) Das sind die Wirkstoffe, die üblicherweise gemeint sind, wenn man von Antikörper-Therapien spricht. Diese besetzen unterschiedliche Rezeptoren an der Oberfläche der Tumorzelle, unterbrechen damit Signalwege und hemmen so das Tumorwachstum.

    Für die Brustkrebstherapie gibt es:
    - HER2-Antikörper
    - VEGF-Antikörper (Neo-Angionesehemmer)
    - D-L1-Antikörper (Immun-Checkpoint-Inhibitoren)
     
  2. Antikörper-Wirkstoff Konjugate (auch ADC für Antibody-Drug-Conjugate genannt)  Bei Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten werden Zytostatika an Antikörper gekoppelt. Die Antikörper binden dann an spezifische Merkmale der Tumorzellen und bringen so das Chemotherapeutikum direkt in die Tumorzelle. Das Chemotherapeutikum wirkt also direkt am Tumor und belastet gesunde Zellen deutlich weniger.

    Für die Brustkrebstherapie gibt es:
    - Trop2 – ADC
    - Anti-Her2-ADC
     
  3. Kinasehemmer (auch Small Molecules oder kleine Moleküle genannt) Diese kleinen Moleküle dringen in das Innere der Tumorzelle ein, binden dort an Rezeptoren und unterbrechen Signalwege von Kinasen (bestimmte Eiweißstoffe), die für das Tumorwachstum wichtig sind und hemmen so das Tumorwachstum.

    Für die Brustkrebstherapie gibt es:
    - CDK 4/6-Inhibitoren
    - mTOR-Kinasehemmen
    - PI3-Kinasehemmer
    - Tyrosin-Kinasehemmer
     
  4. PARP-Hemmer Diese blockieren die Enzyme PARP = Poly-[ADP-Ribose-]Polymerase, die für die Reparatur von  Zellenschädigungen eine wichtige Rolle spielen. Dadurch kann die Tumorzelle Schäden nicht mehr reparieren und sie stirbt ab. Sie sind besonders wirksam in der Brustkrebstherapie bei Erkrankten, die einen pathogenen Gendefekt (Krankheits-verursachende Mutation) tragen.