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Studienergebnisse richtig interpretieren

 

Zahlen lügen nicht, oder?

Zahlen lügen nicht, aber Prozentzahlen für Nutzen oder Risikoreduktion werden leider oft falsch interpretiert. Wir sprechen nachstehend nur von Risiken – aber das Prinzip ist natürlich genauso auf Chancen also Nutzen anwendbar.

Absolutes Risiko versus Relatives Risiko

Äußerst wichtig ist es zwischen absouten Risiken und relativen Risiken zu unterscheiden. Vereinfacht kann man sagen

  • Bei absoluten Risiken wird zunächst geschaut, wie hoch ist das Risiko in einer Gruppe überhaupt, Schaden, also z.B. eine bestimmte Nebenwirkung zu erleiden. In einem zweiten Schritt wird dann festgestellt, wie sehr sich z.B. dieses Nebenwirkungs-Risiko bei einem neuen Medikament verändert.
  • Bei relativen Risiken hingegen wird nur geschaut, wie sehr sich ein vorhandenes Risiko auf einen Schaden, also z.B. auf eine Nebenwirkung verändert, unabhängig von der Wahrscheinlichkeit diese Nebenwirkung überhaupt zu erleiden.

 

Absolutes Risiko und Relatives Risiko berechnen

Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Studie gemacht, in der wir das Auftreten einer bestimmten Nebenwirkung bei Medikament A versus Medikament B vergleichen.

Die Studie zeigt folgendes Ergebnis:

Bei Medikament A tritt diese Nebenwirkung bei 2 von 1.000 PatientInnen auf. 
Bei Medikament B tritt diese Nebenwirkung bei 3 von 1.000 PatientInnen auf.

  1. Absolute Risikoberechnung

Das absolute Risiko für diese Nebenwirkung liegt bei Medikament A also bei 2/1000 = 0,2%
Das absolute Risiko für diese Nebenwirkung liegt bei Medikament B also bei 3/1000. = 0,3%

Wenn ich von Medikament A auf B umstelle, erhöht sich also das absolute Risiko um
0,3% - 0,2% = 0,1%

  1. Relative Risikoberechnung:

Bei Medikament B tritt die Nebenwirkung bei 3 PatientInnen auf. Bei Medikament A tritt die Nebenwirkung A bei 2 PatientInnen auf.

Das relative Risiko erhöht sich bei einer Umstellung von Medikament A auf B von 3 auf 2 also um 50%

Häufigeres Auftreten der Nebenwirkung bei Medikament B als bei A           3 – 2            1    
-----------------------------------------------------------------------------------------   =      ------    =     ---   =   50 %
                       Auftreten der Nebenwirkung bei Medikament A                                2                2

                                                             

Wie Sie sehen, betrachten wir nur die Relation zwischen den von Nebenwirkungen betroffenen PatientInnen bei Medikament A und B. Es spielt bei der Berechnung des relativen Risiko keinerlei Rolle wie häufig diese Nebenwirkung bei Medikament A und B überhaupt auftritt. Das relative Risiko bleibt immer dasselbe, egal ob die Nebenwirkung insgesamt sehr oft also bei 2 bzw. 3 von 100 auftreten oder nur bei 2 bzw. 3 von 1.000 oder sogar sehr selten also bei 2 bzw. 3 von 10.000.

 

Ein Beispiel das durch die Presse ging

Viele Frauen setzten nach der Meldung, dass Kontrazeptiva der dritten Generation (neuartige Anti-Babypille) das Thromboembolierisiko um 100% erhöhen, diese Kontrazeptiva ab und wurden teilweise ungewollt schwanger. Hatten sie ihr persönliches Risiko richtig eingeschätzt?

Schauen wir in die zugrundeliegende Studie:

Verglichen wurden 2 Gruppen aus je 7.000 Frauen. Die eine Gruppe nahm Kontrazeptiva der dritten Generation, die Vergleichsgruppe andere Kontrazeptiva ein. In der Gruppe mit den Kontrazeptiva der dritten Generation traten 2 Thromboembolien auf, in der Vergleichsgruppe nur 1 Thromboembolie.

Relatives Risiko: Kontrazeptiva der dritten Generation erhöhen das Risiko einer Thromboembolie um 100%, nämlich von 1 Frau auf 2 Frauen

Berechung: (2-1) /1 = 1/1 = 100%

Absolutes Risiko: Kontrazeptiva der dritten Generation erhöhen das Risiko einer Thromboembolie von 1 auf 2 von jeweils 7.000 Frauen also um 0,01%   

Berechnung: 2/7000 – 1/7000 = 1/7000 = 0,01 %

Beide Aussagen waren also richtig. Sie sehen aber was für einen enormen Unterschied es in der Wahrnehmung macht, ob eine Prozentzahl ein relatives oder ein absolutes Risiko wiedergibt. Relative Risiken sind meist hohe % Sätze und können uns sehr ängstigen. Absolute Risiken hingegen sind meist sehr viel kleiner, geben aber ein realistischeres Bild.

Mamazone - Tipp: Um möglichen Schaden oder Nutzen einer Maßnahme richtig einschätzen zu können, benötigen Sie immer auch die Angaben des absoluten Risikos. Fragen Sie also nach, wenn Ihnen Prozentzahlen genannt werden: Handelt es sich um absolute Risiken oder um relative Risiken?

 

Verzerrte Information durch die Mischung von absoluten und relativen Risikoangaben

Will man eine Maßnahme oder ein neues Medikament nun besonders positiv darstellen, kann man den Nutzen als relativen Nutzen, das zugehörige Risiko hingegen als absolutes Risiko darstellen. Der Nutzen erscheint dadurch oft sehr viel höher als er tatsächlich ist, der Schaden hingegen viel niedriger. Man vergleicht „Äpfel mit Birnen“, in der Fachsprache spricht man von missmatched framing. Es ist also sehr wichtig verzerrenden Nutzen- / Risikoaussagen als solche zu erkennen und nicht als Entscheidungsgrundlage zu nutzen.

 

Die Bedeutung des Basisrisikos

Und noch etwas ist bedeutend, wenn Sie sich für oder gegen eine bestimmte Maßnahme entscheiden: Wie hoch ist Ihr persönliches Basisrisiko, beispielsweise für eine Brustkrebserkrankung?

Ihr persönliches Basisrisiko hängt hier ganz entscheidend davon ab, ob Sie zu den genetisch belasteten Frauen (BRCA 1 / 2 Mutationsträgerinnen) mit einem hohen Basisrisiko für Brust- und Eierstockkrebs gehören oder nicht. Für BRCA 1 / 2 Mutationsträgerin könnte zur Risikoreduktion eine vorsorgliche Brust- oder auch Eierstockentfernung möglicherweise rational sein, für Frauen mit einem normalen Basisrisiko sicher nicht.

Anmerkung: In jedem Fall sollten Sie sich bei einer so folgenschweren Massnahme vorab in einem Kompetenzzentrum umfassend beraten lassen!

 

Alles klar?

Lassen Sie sich gerne das Ganze nochmal kurz erläutern und prüfen Sie anhand von Mitmach-Beispielen, ob Sie das alles gut verstanden haben. Nutzen Sie hierzu den Beitrag „Die Macht der Zahlen. Wie Prozentzahlen unsere Entscheidungen beeinflussen können“ von der Martin-Luther-Universität Halle/ Saale-Wittenberg. www.leitlinie-gesundheitsinformation.de/RiskTool/#pageStart .

Und sehen Sie auch den Vortrag „Das 1x1 der Skepsis“ den Fr. Priv-Doz. Dr. Odette Wegwarth auf dem Diplompatientinnen Kongress 2020 zu diesem Thema gehalten hat. (Nur für Mitglieder freigeschaltet)