Willkommen in Absurdistan

von Annette Kruse-Keirath
Selbst  Insider wie Ärzte und Gesundheitspolitiker verstehen die Gesundheitspolitik in Deutschland kaum mehr und können im Dickicht der sich ständig wandelnden Gesetze, Bestimmungen, Leitlinien und sonstigen Vorschriften kaum mehr den Überblick behalten. Wie sollen da Patientinnen und Patienten, die vom politischen Regulierungswahn Betroffenen, die medizinische Welt verstehen?

Da lehnt ein Arzt zum Beispiel mit Hinweis auf sein Heilmittelbudget nach einer Brust-OP eine medizinisch-notwendige Lymphdrainage ab. Eine andere Patientin wundert sich darüber, dass sie plötzlich in der Apotheke immer anders aussehende Medikamente statt des bisher verordneten Präparates erhält (diese sind nach Auskunft des Apothekers genauso gut, nur preisgünstiger), weil ihre Krankenkasse mit bestimmten Pharmaherstellern einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Andere werden mit „motivierenden Anrufen“ ihrer Krankenkasse bombardiert, doch am DMP Mamma-Ca teilzunehmen, weil durch dieses „qualitätsgesicherte und leitlinienorientierte Nachsorgeprogramm“ die beste Betreuung für die Patientin sichergestellt sei. Was die Krankenkasse verschweigt: Nicht die Patientin, die im besten Fall 40 € pro Jahr für die Praxisgebühr spart, ansonsten aber keine weiteren medizinischen Vorteile erhält, sondern die Krankenkasse selbst profitiert am meisten von der DMP-Einschreibung. Denn aus dem Risikostrukturausgleich fließen mit der Einschreibung gleich 7.500 € auf das Konto der Krankenkasse. Und diese Mittel werden – das ist der eigentliche Skandal – keineswegs für eine verbesserte Therapie der Brustkrebspatientin verwendet, sondern helfen, die Finanzlöcher der Krankenkassen zu stopfen.

Anhand dieser und ähnlicher Beispiele aus allen Bereichen des Gesundheitswesens zeigt Gaby Guzek in ihrem gerade erschienen Buch: „Patient in Deutschland – verraten und verkauft“, nach welchen Regeln Gesundheitswesen und Patientenversorgung in Deutschland überorganisiert und verbürokratisiert sind und deshalb eben häufig nicht funktionieren. Gesundheit nach Kassenlage – so lautet das ernüchternde Resümee der Autorin zur derzeitigen Situation im Gesundheitswesen. Dabei werden nicht nur die patientenfeindlichen Strukturen und die heute schon stattfindenden verdeckten Rationierungen, sondern auch die ständig zunehmende Entmündigung und Bevormundung der Menschen durch selbst ernannte Beschützer eindringlich dargestellt.

 

In 14 Kapiteln erläutert die Medizinjournalistin auf 160 Seiten in gut lesbarer und auch für Laien verständlicher Sprache den ganz alltäglichen Wahnsinn im Gesundheits- und Pflegewesen. Kenntnis- und detailreich schildert die Autorin auch  Finanzierungsstruktur und Ausgabepolitik der Krankenkassen. Diese – so die entlarvende Bilanz  –  dient eher der Gewinnung vom Marktanteilen im Vorgriff auf den neuen Gesundheitsfonds als einer guten Versorgung – insbesondere wirklich kranker Patienten. Wellnessreisen und Reha-Sport, mit denen sich junge Versicherte gewinnen lassen, werden deshalb lieber von den Krankenkassen finanziert als Verordnungen für Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie oder ein innovatives, aber teures Medikament für Schwerkranke.

Ein Extrakapitel widmet sich auch den Arbeitsbedingungen und der Honorierung von Ärztinnen und Ärzten. Schnell wird klar: Niedergelassene Ärzte sind ebenso wie Krankenhäuser und Pflegedienste Teil und Instrument einer von der Autorin als perfide charakterisierten Rationierungspolitik von Gesetzgeber und Krankenkassen. Sie spüren die Auswirkungen der Sparpolitik ebenso wie die Patienten. Wobei die Politik den Ärzten den schwarzen Peter zuschiebt, die unerfreulichen Rationierungswahrheiten im Sprechzimmer „zu verkaufen“ – mit der Konsequenz des zunehmenden Image- und Vertrauensverlustes des ärztlichen Berufsstandes.

Am Schluss des Buches (dem man vielleicht die etwas zu arztorientierte Perspektive ankreiden kann und von Seiten des Verlags eine etwas liebevollere Lektoratsbetreuung besonders bei Orthographie, Grammatik und Zeichensetzung gewünscht hätte) stellt Gaby Guzek unter der Überschrift: „Was tun?“ die Frage nach den Zukunftsperspektiven des Gesundheitswesens. Ihre Antwort: „Das System ist nicht reformierbar. Wir brauchen einen Neustart.“ Diese sollte nach ihrer Auffassung bei der Wahlfreiheit des Patienten und der Rückbesinnung auf den Ursprung jeder Arzt-Patientenbeziehung beginnen: „Ich will zu dem Arzt gehen können, dem ich vertraue und will mit ihm zusammen meine gute und richtige Behandlung finden“. Ein Wunsch, dem die von der Politik so gefürchteten mündigen Patientinnen und Patienten nur zustimmen können. Ebenso wie der Aufforderung der Autorin: „Wir müssen anfangen nachzudenken. Und: Wir müssen handeln“ und uns nicht mehr nur behandeln und zum Objekt von Gesundheitsinteressen anderer degradieren lassen.

Gaby Guzek: Patient in Deutschland - verraten und verkauft. Promedico Verlag Hamburg, 14,80 Euro. ISBN 978-3-932516-16-0

Annette Bopp über das „Anti-Krebs-Buch“

Annette Bopp

über das „Anti-Krebs-Buch“ des Psychiaters David Servan-Schreiber:

„Wenn Krebskranke warten, bis eine solche Studie den finalen Kausalitätsbeweis liefert, sind sie vermutlich schon gestorben“

Wenn ein Mensch mit der Diagnose „Krebs“ konfrontiert wird, steht recht schnell eine wichtige Frage im Raum: „Was kann ich selbst für mich tun?“ Die meisten Ärzte antworten dann darauf: „Leben Sie so weiter wie bisher.“ Genau diese Worte hörte vor rund 15 Jahren auch der französisch stämmige Neurologe und Psychiater David Servan-Schreiber.

Er hatte gerade erfahren, dass sich in seinem Kopf ein bösartiger Hirntumor ausbreitet – ein Zufallsbefund, ans Licht gekommen im Rahmen einer Magnetresonanztomographie zu Forschungszwecken, für die sich der damals 31-Jährige zur Verfügung gestellt hatte. Die Antwort des Arztes beruhigte ihn. Er wurde erfolgreich operiert, und lebte weiter wie bisher: er ernährte sich vorwiegend von Bagels, Chili con Carne und Cola, er trieb kaum Sport, schlief wenig und stürzte sich kopfüber in seine Arbeit als Arzt und Grundlagenforscher an der Universität von Pittsburgh (USA).

Doch wenige Jahre später hatte sich erneut eine Geschwulst gebildet.

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