Prost Mahlzeit, Neujahr! 2009 wird alles anders!

Ein Ausblick von Annette Kruse-Keirath

Patienten müssen künftig mehr über die Zwänge der Ärzte wissen – das zumindest fordert Professor Manfred Weber, Vorstandsmitglied der Rheinisch-Westfälischen Gesellschaft für Innere Medizin. Recht hat er, möchte man meinen. Denn der Spagat zwischen medizinischer Versorgung und Wirtschaftlichkeit bestimmt mehr und mehr den Alltag in Klinik und Praxis. Zu glauben, dass wir Patienten nicht schon längst gespürt und zu spüren bekommen haben, dass im Gesundheitswesen den wirklich Kranken ein kühler Wind ins Gesicht bläst, zeugt aber eher von einer ärztlichen Wahrnehmungsstörung der Wirklichkeit.

Rationierung und Kostendruck sind schon längst im Versorgungsalltag angekommen. So sind wir Patientinnen und Patienten seit geraumer Zeit von der „blutigen Entlassung betroffen“: wir werden zwar als geheilt, jedoch noch keineswegs als gesund aus dem Krankenhaus entlassen. Denn durch die sogenannten „Fallpauschalen“ können sich Kliniken einen längeren Aufenthalt von uns „Kunden“ nicht mehr leisten. Gern gesehene Gäste sind wir dann wieder, wenn wir als neuer Fall eine neue Fallpauschale (auch als DRG bezeichnet) auslösen. So erleben manche von uns einen wahren Entlassungs- und Wiederaufnahme-Marathon.

Der ahnungslose Patient weiß zwar nicht, dass der sogenannte – halten Sie sich fest – „Landesbasisfallwert“, auf dessen Grundlage die Fallpauschalen errechnet werden, von 3.361 € im Jahr 2003 auf heute 2.707 € gesunken ist. Aber er spürt es, wenn ein stationärer Aufenthalt notwendig ist. Schon längst sind Krankenhäuser  - das ist mittlerweile ein offenes Geheimnis - keine Orte mehr zum Gesundwerden, sondern eher Krankheitsfallen. Kostendruck, Wirtschaftlichkeitsgebot und zunehmende Bürokratisierung haben nicht nur zu einer Verschlechterung der Pflege und der ärztlichen Versorgung geführt, sondern auch zu schwerwiegenden Hygienemängeln (die früher klinikinterne Zentralsterilisation wurde vielfach outgesourct). Wie beschrieb es ein Facharzt für Hygiene unlängst auf einer Tagung: „Wir haben heute die modernsten Operationstechniken – minimal-invasiv, lasergestützt, mikrochirurgisch. Aber die Patienten sterben wie vor 200 Jahren an einer Sepsis – verursacht durch Hygienemängel und nicht beherrschbare Krankenhauskeime.“

Mit Rationierungsvokabular bedroht


Und wie sieht es in der ambulanten Versorgung – also vor Ort beim Hausarzt oder Facharzt in der Praxis aus? Auch hier werden wir schon seit vielen Gesundheitsreformen mit dem Vokabular der Rationierung eingeschüchtert: „Mein Budget ist verbraucht, ich muss Ihnen ein kostengünstiges Arzneimittel aus dem Rabattvertrag verordnen, eine MRT oder ein PET-CT erstattet Ihre Krankenkasse nicht, den Ultraschall müssen sie selbst bezahlen, Krankengymnastik oder Lymphdrainage kann ich nicht verordnen“. Was würde sich ändern, wenn wir genau wüssten, wie hoch das Budget unseres Hausarztes für unsere Behandlung in einem Quartal ist? Hätte es irgendeine „therapeutische Konsequenz“, wenn wir das Arzneimittel- und Heilmittelbudget exakt kennen würden? Eilten wir unseren Ärzten spontan zu Hilfe, wenn wir nachrechnen könnten, dass die neue Euro-Gebührenordnung, die ab 1. Januar 2009 in Kraft tritt, vielen Ärzten statt der erhofften Einkommenssteigerungen Umsatzeinbußen von bis zu 25 Prozent bringt? Ich denke - Nein. Vielleicht käme es sogar zu einem Wettbewerb des Jammerns zwischen Ärzten und ihren Patienten. Wer hat hier mehr Recht auf Lamento: der Hilflose oder der vermeintliche Helfer?

Das Klagen der Mediziner über zu geringe Honorare ist zwischenzeitlich auch im Wartezimmer zur Gewohnheit worden. Die Kultur des verbalen „Nein“ ist uns schon in Fleisch und Blut übergegangen; doch so richtig glauben können wir die Botschaft vom Mangel und der vorstehenden Veränderung der medizinischen Versorgungslandschaft nicht. Weil wir in der Masse vieles am eigenen Leib noch nicht spüren.

Erinnern wir uns: Bei der Veränderung des Agrarmarktes war die Entwicklung  ähnlich. Dem Gejammer der Landwirte, die in den 60ger Jahren immerzu über zu niedrige Preise klagten, schenkte niemand Glauben. Als die Situation dann wirklich prekär wurde, glaubte ihnen niemand mehr. Und als das Sterben der kleinen Betriebe begann, fand die Marktbereinigung öffentlich, aber dennoch in aller Stille statt. Die Folge: Industrielle Massenproduktion von Lebensmitteln mit minderer Qualität. Qualität hat eben ihren Preis, und den wollten und wollen viele nicht zahlen.

Eine solche Entwicklung steht uns nach Auffassung vieler Experten auch im Gesundheitswesen bevor. Denn auch hier stehen die Zeichen auf „Zwangskollektivierung“ mit Schaffung größerer Versorgungseinheiten, die wirtschaftlicher arbeiten können – Politik und Krankenkassen nennen das Anreiz zur Kooperation - und Eliminierung der Einzelpraxen.

Die neue ärztliche Gebührenordnung ist ein weiterer Schritt in Richtung der Veränderung der gewohnten Versorgungslandschaft: Große medizinische Versorgungszentren in der Vernetzung von ambulanter und stationärer Versorgung  statt wohnortnaher Versorgung durch Haus- und Fachärzte. Fallpauschalen auch bei den niedergelassenen Ärzten, die einen Anreiz zu wirtschaftlichem Verhalten – sprich dem Nicht-Erbringen von Leistungen geben. Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln und Therapien mit dem Ziel, nur noch kostengünstige und standardisierte Therapieverfahren im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen anzubieten. Das heißt: Es steht zu befürchten, dass auch im Gesundheitswesen die Qualität mittelfristig auf der Strecke bleibt, weil sich Leistungen rechnen müssen und alles einen Preis, nichts aber mehr einen Wert hat.

Was sind wir wert?

Was bleibt als Alternative? Ja, Patienten müssen die Zwänge der Ärzte kennen – denn wenn unsere Ärzte oder die Klinik vor Ort weniger Honorar erhalten, zielt das direkt auf uns Patienten: Unsere Krankenkassen teilen uns damit nämlich ganz unmissverständlich mit, was wir und unsere berechtigten Behandlungsanliegen ihnen Wert sind. Zum Beispiel 15,37 € für drei Monate Behandlung beim Frauenarzt und 32,47 € für eine Quartalspauschale beim Hausarzt. Unsere Ärzte wollen uns nicht ärgern, sie sind - wie wir - Teil eines Systems, dass sich selbst ad absurdum führt und jeder Kontrolle entzieht.

Wir Patientinnen und Patienten dürfen es nicht länger hinnehmen, dass unsere Krankenkassenbeiträge für sinnlose Marketingaktionen und Wellnessreisen vergeudet werden statt in die medizinische Versorgung zu fließen. Krankenkassen wie Leistungserbringer leben von unseren Beiträgen – dessen sollten wir uns bewusst sein – und hier auch Rechenschaft von den Kassen fordern. Wer mit unser aller Geld in dieser Weise unverantwortlich umgeht, sollte unseren Protest spüren. Wenn wir nicht zum Objekt der Gesundheitspolitik werden, sondern selbstbestimmt über die Gesundheitsversorgung mitentscheiden wollen, werden wir im Wahljahr 2009 unsere Stimme lauter als je zuvor erheben und Widerstand leisten müssen.

Wir dürfen uns aber nicht von den Ärzten instrumentalisieren lassen und ihnen erlauben, ihre Honorarforderungen mit unseren Interessen zu verbinden. Vordergründig hängt beides zusammen, substantiell geht es jedoch um Verschiedenes. Wir (Krebs)Patienten kämpfen um unser Überleben und die Verwendungshoheit über unsere Beiträge, - die Leistungsanbieter für mehr Geld. Beides ist berechtigt – aber die Ziele sind verschieden.

Und noch eines: Bei allem Protest: Auch in der medizinischen Versorgung müssen wir akzeptieren, dass Qualität ihren Preis hat. Wie viel der Einzelne bereit ist zu investieren, muss aber ihm selbst überlassen bleiben. Das ist zumindest ein Prinzip einer freien Gesellschaft.

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