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Zwillingskrebs. Ein Schicksal, zwei Geschichten - Eine Rezension von Annette Kruse-Keirath

Zwillingskrebs. Ein Schicksal, zwei Geschichten - von Ingrid und Renate Müller

Rezension von Annette Kruse-Keirath

Zwillinge –gerade eineiige- haben eine besondere Beziehung zueinander. Gleiche Gene, auch äußerlich zum Verwechseln ähnlich, steht ihr Leben oft im Spannungsfeld zwischen Nähe und Abgrenzung, zwischen Symbiose und Selbstbehauptung. Renate und Ingrid Müller, beide Journalistinnen, die ihre Brustkrebsgeschichten jetzt in einem gemeinsamem Buch veröffentlich haben, kennen aber auch das Gefühl von Nähe und Vertrautheit, das Zwillinge ein Leben lang untrennbar miteinander verbindet.  „Bis 2008“, so heißt es im Vorwort, „verlief  unser Leben unbeschwert“. Dann ereilt beide im Abstand von wenigen Monaten und im Alter von 43 Jahren die Diagnose: Brustkrebs.

Wer in diesem Buch, das sich ähnlich wie die Geschichte der beiden Handball-Zwillinge, Michael und Ulli Roth, die  2009 mit 47 Jahren an Prostata-Krebs erkrankten, bereits kurz nach Erscheinen großen Medieninteresses erfreute, neue wissenschaftliche Erkenntnisse erwartet, wird enttäuscht. Es ist eher die spannend und auch einfühlsam geschriebene Geschichte zweier Schwestern, die sich jede auf ihre Weise dem Brustkrebs stellen und dem Feind in ihrem Körper den Kampf ansagen. Ingrid, die um zwei Minuten jüngere der beiden, die  zwei Monate nach ihrer Schwester erkrankt, begleitet Renate von Anfang an. Die hat – und mit dieser Episode beginnt das Buch – den Knoten in der Brust nicht selbst getastet. Eine One-night-stand-Bekanntschaft, Markus, hat die Veränderung in der Brust bemerkt und Renate geraten, das unbedingt abklären zu lassen.  Die Journalistin befolgt den Rat ihrer Zufallsbekanntschaft und erhält im September 2008 die Diagnose, im Dezember 2008 dann auch ihre Schwester Ingrid.

Das Erstaunliche: Bei beiden ist es kein erblich bedingter Brustkrebs, also ein Krebs der in der Familie liegt. „Es ist ein Tumor, der von den Drüsenlappen ausgeht, das kommt seltener vor, denn in rund 85 Prozent bildet er sich in den Milchgängen. Ihre Krebsvariante ist nicht leicht zu entdecken, aber genauso gut zu behandeln wie andere Formen, und sie hat keine schlechtere Prognose“, erklärt die Ärztin.

Was folgt ist der übliche Therapiemarathon – Operation, Bestrahlung, Chemotherapie. Während dieser Zeit sorgt sich Ingrid um die Schwester, die sie als hilflos und müde erlebt. „Am Vormittag trottet und schleicht sie durch die Wohnung, als schlüge schon bald ihre letzte Stunde, als arrangiere sie sich mit ihrem Schicksal“. Sie hat das Gefühl, mit Renate einen unsichtbaren Kampf ausfechten zu müssen, weil ihre Art der Krankheitsbewältigung eine andere ist: „Ich will dieser Krankheit etwas entgegensetzen. Bei Renate kann ich solche Anzeichen nicht erkennen“  heißt es im Kapitel „Höllensturz“.

Eindringlich und doch auf ganz unsentimentale Weise schildert das Buch in 12 Kapiteln den „persönlichen Kreuzweg“ der Schwestern mit Erfahrungen, die beide sicherlich mit sehr vielen Brustkrebspatientinnen teilen: Angst, Verzweiflung, Mutlosigkeit, Hoffnung und Trauer, aber auch dem Willen zu leben. Das, was diese Krebsgeschichte von anderen unterscheidet, sind die Auswirkungen der Erkrankung auf die Beziehung zwischen den Geschwistern – die Zwillingskomponente. Äußerlich gleich und gleiche Gene heißt nicht gleiche Krankheitsbewältigung. Eine Erkrankung wie Brustkrebs kann sehr vertraute Menschen voneinander entfernen. Renate und Ingrid Müller beschreiben diesen  Weg voneinander weg und wieder zueinander hin. Nicht als Modell oder Rezept, sondern als persönliche Erfahrung. Sie machen sich stark für ein Annehmen der Erkrankung mit Mut und Optimismus. „ Der Krebs hat uns erst getrennt und dann auch wieder zusammengebracht. So nah wie nie. Dafür bin ich dankbar“ beschreibt Ingrid Müller resümierend die letzten zwei Jahre der Zwillingsbeziehung.

Und beide sind davon überzeugt: Ein wichtiges Überlebens-Elixier ist auch Humor als die Kunst, sich selbst nicht allzu ernst und zu wichtig zu nehmen und sich so auch von sich selbst zu distanzieren. Sichtbar wird das in den Illustrationen des Buches, die von Achim Greser, dem bekannten Karikaturisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, stammen. „Gratuliere, es ist Krebs“ so heißt es in der Graphik zum Kapitel, in dem die Schwestern von ihrer Diagnose erfahren. Das ist  auf den ersten Blick sicherlich „starker“ Tobak und gewöhnungsbedürftig und auch nicht jedermanns Sache – im Verlauf der Lektüre wachsen aber Text und Bild zu einer Einheit zusammen. So wird daraus ein Buch, das nicht immer nur ernst, aber durchaus ernst zu nehmen ist. (akk)

Ingrid und Renate Müller: Zwillingskrebs. Ein Schicksal, zwei Geschichten, Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbeck, April 2011, 283 Seiten,
ISBN 978499627071, Preis: 11,99 €