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Wie wollen wir sterben? - Eine Rezension von Annette Kruse-Keirath

Wie wollen wir sterben? – von Michael de Ridder

Rezension von Annette Kruse-Keirath

Michael de Ridder hat sich mit einer provokanten Überschrift einem noch provakanteren Thema gewidmet: Der Antwort auf die Frage: Wie wollen wir sterben? In einer Gesellschaft, die das Sterben und den Tod weithin tabuisiert und in die Sterbezimmer der Kliniken abgeschoben hat,  lässt dieser Buchtitel aufhorchen.

Und das, was der Berliner Arzt , Rettungs-und Palliativmediziner auf gut 300 Seiten an Lebens- und Berufserfahrung zu Papier bringt, führt mitten ins Zentrum der in Deutschland zwischenzeitlich vehement geführten Debatte um Sterbekultur und Sterbehilfe. De Ridder berichtet gleich zu Beginn des Buches über eine ihn prägende „Sterbeerfahrung“ im Krankenhaus. Ein alleinstehender Patient mit einer Tumorerkrankung soll, weil er ja sowieso bald stirbt, in ein Einzelzimmer verlegt werden. Dieses steht nicht zur Verfügung. Nur in einem Sechsbettzimmer ist noch Platz. Aber kann man den fünf Anderen einen Sterbenden zumuten? Über diese Frage erschrickt der junge Arzt de  Ridder, weil ihm in diesem Moment klar wird: Der Tod gehört ins Leben – unter Menschen – nicht in die Verlassenheit eines Einzelzimmers.

Die Szene, die dann folgt, ist eine der ergreifendsten des ganzen Buches, das anhand vieler Einzelschicksale klar macht: Es gibt nicht das Sterben, den Tod; jede Sterbesituation, jedes Abschiednehmen ist anders – eine Tatsache, auf die die moderne Hochleistungsmedizin in keiner Weise Rücksicht nimmt. Die fünf anderen Männer geben dem Sterbenden das schönste Bett im Zimmer, organisieren eine 24-Stunden-Sitzwache für den Todkranken, lesen ihm vor, waschen ihn und geben ihm zu essen. Nach fünf Tagen stirbt der Patient in Anwesenheit aller – nicht allein. Und einer der Mitpatienten sagt: „Diese fünf Tage meines Lebens waren wichtig – ich werde sie nie vergessen!“. Hier erleben Menschen ein menschenwürdiges Sterben.

In den zwölf folgenden Kapiteln seines Buchs zeigt de Ridder anhand unterschiedlicher Beispiele eine Sterbewirklichkeit ganz anderer Art. Da ist die 86jährige Patientin, die bewusstlos und würdelos den Rettungsmarathon der Intensivmedizin – Legen von Zugängen, Wiederbelebung mit Defibrillator und manueller Herzmassage einschließlich Rippenbrüchen- durchläuft– weil der Stationsarzt glaubt, alles tun zu müssen, was getan werden kann - und doch stirbt.

Eingehend beschreibt der Autor die Furcht vieler Ärzte vor eigenverantwortlichen Entscheidungen. Auch wenn sie wissen, dass sie das Richtige tun, indem sie auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichten, glauben viele, sich absichern zu müssen. Aus forensischen Gründen. Und dann die Angst davor, Sterben zuzulassen, wobei die behandelnde Ärztin nicht einmal erkennt, dass der eingelieferte 88jährige Patient im Sterben liegt. Weil ärztliches Handeln ja dem Leben verpflichtet ist und die Wahrnehmung von Sterben in Studium und Ausbildung nicht erlernt wird.

Das Buch geht auch kenntnisreich und in einer auch für Laien verständlichen Sprache auf die  Frage nach der Sinnhaftigkeit von Sondenernährung am Lebensende – de Ridder nennt das die Legende vom Verhungern und Verdursten - , einer angemessen Schmerztherapie und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben bis zum und am Lebensende ein. In Erinnerung bleiben wird jedem Leser das Schicksal von Katharina S, einer 24jährigen Frau, die nach einem schweren Autounfall vom obersten Halswirbel an gelähmt ist und als „beatmeter Kopf“ zwischen Sterbewunsch und Lebensbejahung schwankt. Selbst dann, wenn sie es wollte, könnte sie ihrem Leben ohne fremde Hilfe kein Ende machen. Anhand dieses Beispiels stellt der Autor die schwierige Frage nach dem Erlaubtsein und der Berechtigung aktiver und passiver Sterbehilfe. Eine abschließende Antwort findet das Buch nicht; es beschreibt aber Möglichkeiten, wie Ärzte Menschen auf dem Weg zu einem guten Tod begleiten können.

Der ärztliche Auftrag, davon ist Michael de Ridder überzeugt, ist nicht nur zu heilen, sondern den Patienten auch das Sterben zu erleichtern. Dafür muss die Ärzteschaft, so sein Plädoyer, aber auch die Gesellschaft zu einem neuen Selbstverständnis finden und „Sterben annehmen, sterben gestalten“. Denn: Wer weiß schon, ob das Sterben nicht eigentlich das Leben und das Leben nicht eigentlich das Sterben ist. (akk)

Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? 309 Seiten, Deutsche Verlagsanstalt, 2010, ISBN 978-3-421-04419-8, Preis: 19,95 €