Verspätete Brustkrebsdiagnose
Ein folgenreicher Fehler
Je eher ein Mammakarzinom erkannt wird, desto schonender kann es therapiert werden und umso größer sind die Heilungschancen. Bei früher Diagnose ist in der Regel eine brusterhaltende Operation möglich, die Lymphknoten müssen seltener entfernt werden, es kann mit nebenwirkungsärmeren Medikamenten behandelt und ggf. eine schonendere Strahlentherapie gewählt werden.
Daher ist es sehr bitter, wenn eine Diagnose - trotz Verdachtsmomenten - nicht zeitnah gestellt wird und die Therapie erst verspätet beginnt.
Verspätete Diagnose - haftet der Arzt/die Ärztin?
Das hängt sehr vom Einzelfall ab und die Rechtslage ist komplex. Deshalb benötigen Sie in jedem Fall einen erfahrenen, auf Medizinrecht spezialisierten Anwalt / Anwältin, wenn Sie Schmerzensgeld und Schadensersatz für Haushaltshilfe, Verdienstausfall, Fahrtkosten etc. einklagen wollen.
Grob gesprochen geht es in einem solchen Rechtsstreit dann vor allem um die Klärung folgender Fragen:
- liegt ein Befunderhebungsfehler vor? Wurde also eine Diagnostikmaßnahme nicht vorgenommen, obwohl sie geboten gewesen wäre? Beispiel: Bei einem ertasteten Knoten wurde die erforderliche Bildgebung und/oder Biopsie nicht angeordnet, um zweifelsfrei zu klären, ob Brustkrebs vorliegt oder nicht.
- liegt ein Diagnoseirrtum vor? Wurde die Diagnostikmaßnahme zwar vorgenommen, das Ergebnis dieser Diagnostik war aber falsch oder wurde falsch interpretiert. Beispiel: Eine Mammographie wurde als unauffällig beurteilt, obwohl ein Krebsherd darin erkennbar gewesen wäre.
- hätte ein früherer Termin für die Verlaufskontrolle angesetzt werden müssen?
- liegt ein Fehler in der sogenannten Sicherungsaufklärung vor? Wurde nicht ausreichend über den Befund oder weitere notwendige Maßnahmen aufgeklärt. Beispiel: Es wurde versäumt Sie auf erforderliche Wiedervorstellungstermine oder Nachkontrollen hinzuweisen.
- ist die verspätete Diagnose Ursache für den Schaden, der Ihnen entstanden ist? Wäre die Erkrankung also günstiger verlaufen/die Therapie schonender gewesen, wenn die Diagnose früher gestellt worden wäre? Man spricht hier von einer Kausalität, die immer Voraussetzung für einen geltend gemachten Schaden ist.
All das muß zweifelsfrei geklärt und auch bewiesen werden. Und darin liegt letztlich die Schwierigkeit, denn selbst wenn ein medizinischer Fehler naheliegt, muss dieser auch rechtssicher nachgewiesen werden und das gelingt nicht immer. Je nach Sachlage liegt die sogenannte “Beweislast” bei Ihnen als PatientIn oder beim Arzt, dem Sie einen möglichen Behandlungsfehler vorwerfen.
In einem solchen Gerichtsverfahren wird daher regelmäßig ein Gutachter hinzugezogen, der den Sachverhalt medizinisch beurteilen muss. All dies macht einen solchen Prozess oft langwierig und teuer.
Was tun bei einem Verdacht auf verspätete Diagnose?
Folgende Schritte sind empfehlenswert:
- Suchen Sie sich einen auf Medizinrecht spezialisierten Anwalt. Viele Anwälte bieten eine kostenfreie Ersteinschätzung an. Fragen Sie diesbezüglich nach. Privat-Rechtsschutzversicherung übernehmen in der Regel solche Gerichtskosten. Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, klären Sie ob diese in Ihrem Fall für die Kosten aufkommt.
- Sichern Sie alle Befunde (Bildgebung, Laborberichte, Biopsiebefunde etc), sowie Arztbriefe und Aufklärungsbögen, die es im Zusammenhang mit Ihrer Krebsdiagnose gibt. Sofern Ihnen Befunde nicht vorliegen, lassen Sie sich diese aushändigen. Sie haben ein Anrecht darauf und müssen lediglich etwaige Kopierkosten zahlen.
- Fertigen Sie ein Gedächtnisprotokoll an, in dem Sie notieren, wann Sie welche Arzttermine wahrgenommen haben und was besprochen wurde.
- Achten Sie auf die Verjährungsfrist. Diese beträgt drei Jahre ab Ende des Jahres, in dem Sie Kenntnis von dem vermuteten Behandlungsfehler und der Person des Schädigers erlangt haben oder hätten erlangen müssen. Auch hier lohnt es sich bei einem Anwalt nachzufragen, wann in Ihrem Fall etwaige Ansprüche verjähren.
mamazone Tipp:
Kaum eine PatientIn wird die nötigen Nerven, Zeit und Kraft haben, um unmittelbar nach der Krebsdiagnose etwaige Rechtsansprüche geltend zu machen. Zu groß ist der Schock über die Erkrankung und zu wichtig ist es sich um die notwendige Therapie zu kümmern. Viele Arzttermine stehen an und beruflich, aber auch privat, ist Einiges zu organisieren.
Deshalb raten wir Ihnen sich zur Sicherung Ihrer etwaigen Rechtsansprüche zunächst auf die zeitkritischsten Dinge zu konzentrieren:
- Beschaffung möglichst aller Befunde
- Anfertigen eines Gedächtnisprotokoll
Sobald Sie sich dann dazu in der Lage fühlen, können Sie einen Anwalt aufsuchen, der Sie umfassend beraten kann.
Weitere Informationen
Vorträge von unseren Diplompatientinnen-Kongressen (nur für Mitglieder freigeschaltet)
2018 "Das beobachten wir erstmal: Verzögerte Diagnose" von Brigitte Roth